Warum Architekten gerne segeln
Sie streben das Ganze an. Ohne Motor, windbetrieben.
Manchmal fragen uns Kinder Dinge, die wir nicht beantworten können. Die Frage zum Beispiel, was zuerst da war, Henne oder Ei, wird dem Examinierten den Schweiß auf die Stirn treiben, lässt sie sich doch niemals zur Zufriedenheit des Kindes beantworten. Die Frage, ob die Menschheit zuerst den Architekten und dann erst den Segler am Horizont ihrer evolutionären Entwicklung auftauchen sah, wird die Kinder sicherlich kalt lassen, uns ewig Fragende aber führt sie in eine überraschend interessante und zuletzt gar bis in die Nacht reichende Diskussion. An ihrem Ende schwebte dann vage das selten hinterfragte Phantom von der Mutter aller Künste im Raum. Wir waren bei der Architektur angelangt (mal wieder), die alles gebar, was Kultur auf Menschenerde ist. Und weil niemand bestreiten kann, dass die wunderbare Erfindung des Segelns über alle Gewässer ein Teil unserer Kultur ist, wurde es wie alles andere, was über den alltäglichen Notwendigkeit steht, von der Architektur hervorgebracht.
Damit überrascht es im Umkehrschluss auch nicht, dass das Segeln bei so vielen prominenten Architekten wie auch dem gemeinen und bis in die Nacht diskutierenden Planervolk eine große Rolle spielt. Bei manchen ist es der Binnensee-Törn auf einem Schwertzugvogel, bei anderen ist es der theoretisch geführte Diskurs über das Verbindende von Spantenriss und Fassadenschnitt. Allen anderen Architekten, denen das Herz einfach nur schneller schlägt beim Anblick eines sich aus dem Wasser hebenden, ins Gleiten, gar Fliegen kommenden Bootsrumpfes, ist das Segeln wie eine Liebesgeschichte, die niemals aufgehört hat, selbst wenn das Ölzeug schon länger zusammengerollt liegt unter der Reihe der Sakkos im Kleiderschrank.
Die Segelkunst hat – wie auch die des Bauens – eine uralte Geschichte, die viele tausend Jahre älter ist als die der Erfindung des Rades mit ihrer heute vierrädrig so sehr allgegenwärtigen Folgeerscheinung. Das christliche Alte Testament setzt sie in den Anfang der Menschheitsgeschichte: Noah baut der lebendigen Welt ein Haus. Das steht auf einem Berg und wartet, zur Gänze ausgebucht, auf die steigenden Pegel. Schließlich schwimmt sich das zum Boot verwandelte Haus frei und segelt eine unbestimmt lange Zeit über die Sündfluten eines zornigen Gottes hin und her. Als die Wasser fallen ist der Nukleus der Schöpfung auf wieder festem Grund und gerettet.
Wie in modernen Bürobauten sind hier Ebenen hierarchisch gestapelt, der Kapitän oder Eigner schaute aus prächtig verzierten Heckspiegeln auf das tief unter ihm liegende Kielwasser seines Schiffes; während die Mannschaft in Hängematten, nicht selten in zwei oder mehr Lagen übereinander mittschiffs im Rhythmus der kabbeligen See über Kanonenbatterien oder Stückgut zitterte. In den Jahrhunderten entwickelte sich die Schiffsbautechnik mit der der Kathedralen: So, wie die Kirchenschiffe der Gotik im Verhältnis Länge:Breite optisch immer instabiler wurden, so wurden die Schiffsrümpfe drei- oder viermastiger Vollschiffe schließlich zu überstreckten, hydrodynamischen Wundern.
In unseren Zeiten sind Architektur und das Segeln noch immer untrennbar miteinander verbunden, viele Fachbegriffe aus dem ersteren Bereich haben ihre Entsprechung im anderen, viele Konstruktionsprinzipien sind 1:1 übertragbar. Auch ikonografisch sind Verwandschaften herstellbar, vom berühmtesten Beispiel, der Sydney Opera Jørn Utzons, bis hin zum aktuellsten Bürobau von Frank Gehry im New Yorker Chelsea, der InterActiveCorp's Hauptverwaltung. Sie und viele andere bedienen sich der heroischen Bilder der Seefahrt, und zwar fast ausnahmslos der motorenlosen, windgetriebenen. Eines der international angesagtesten Büros, die Wiener Delugan Meissl Assozierten Architekten, formulierte ganz am Anfang ihrer jungen Karriere solches: "Aufträge aller Art sind willkommen, am liebsten jedoch solche: Wolkenkratzer in Beijing oder Kyoto, das neue NASA Hauptquartier, Hochseejachten, ... " Hochseejachten, schnell gleitende Boote, auf denen Renzo Piano vor der Küste seines geliebten Sardiniens kreuzt oder der oben schon genannte Frank einen Ritt macht über den großen Teich, vielleicht den Nervión hinauf, um endlich einmal sein weltberühmtes Museum vom Wasser aus auf seinen wahren Gehalt hin zu befragen.
Was macht aber – außer uralter kultureller verwandschaftlicher Beziehungen – die Verbindung von Architektur und Segeln heute noch aus? Einer, der das wissen muss ist Matti Paschen, Architekt und Segler aus Leidenschaft, Profi auf beiden Gebieten. Entworfen hat der in Hamburg Geborene natürlich auch eine Bootshalle, eine Werft; zum ersten Mal in einem Segelboot saß er bei seinem Vater, da war er vier Jahre alt. In diesem Jahr steht er als einer von wenigen Auserwählten auf dem Deck der "Germany I", einer Hightec Segelyacht mit der Segelnummer GER 89. Dieses Boot soll mit 16 weiteren als "United Internet Team Germany" die Jagd auf die berühmteste Trophäe des Segelsports, den America's Cup, aufnehmen.
Der 34-Jährige Architekt und frische Vater einer zweiten Tochter vermutet, dass es die Ästhetik sei, die die Architekten am Segeln so sehr interessiere, die glatten, sauberen Formen der Boote, die Herausforderung, ein komplexes statisches System zu entwickeln, das in Proportion und Materialeigenschaft eine Perfektion des Ganzen anstrebe, wie sie in der Architektur mittlerweile vielleicht schon verloren gegangen ist. Dass das deutsche Team in Valencia, dem diesjährigen Austragungsort des Cups, eine Basis benötigt, die wie alles Gebaute am Besten vom Architekten entworfen und projektgesteuert wird, das war wohl mit ein Grund dafür, warum der Hamburger in den Süden reiste für nun schon eine längere Zeit. Hier in der Station wertet Paschen seine Beobachtungen der Segel im Training aus, hier berechnet sein Computer deren optimale Architektur. Paschen ist Trimmer für den Spinnaker, das mehr als 500 m2 große Ballonsegel, das dem rund 24 Tonnen schweren Geschoss aus Kunststoff den nötigen Speed vor dem Wind gibt. Mit an Bord auch der Architekt Jan Schoepe.
Seine Liebe zum Meer, die Leidenschaft für das Gleiten auf ihm teilt Matti Paschen mit den größten Architekten, Le Corbusiers Arbeiten zum Beispiel scheinen sich vor allem aus dessen Liebe zum Meer zu schöpfen, das ihm "Tochter der Tropfen und Mutter der Gischt" war. Als der bis heute immer noch einflussreichste Architekt der westlichen Welt mit 77 Jahren bei einem Badeunfall im Meer vor Cap Martin in Südfrankreich ertrinkt, hat er die Tragik dieses Unfalls in einem Gedicht nur wenige Tage zuvor in etwas ganz Natürliches aufgelöst: "Alles kehrt zum Meer zurück", schrieb er. So lässt sich die wunderbare Erfindung des Segelns, des scheinbar unangestrengten Gleitens über alle Wasser als eine Metapher für jeden Lebensweg beschreiben. Vielleicht ist es den Architekten am ehesten gegeben, diesen Zusammenhang in ihre alltägliche Beschäftigung mit dem Bauen einzubinden, indem sie sich der Bilder bedienen, die uns allen im Kopf und Herzen sind, Bilder von dem Ort, den wir nur segelnd erreichen, in jedem Augenblick.
Text: Benedikt Kraft Architekt und Segler Matti Paschen sprach mit BerührungsPunkte über den Zusammenhang zwischen Segeln und Architektur









