[+]
Aktuelles Magazin Alle Magazine Bücher
Philosophie Geschichte
Das Projekt Leistungen Anmeldung
Ausstellungen Wettbewerbe Architektur im Bau Messen
Architektur Philosophie Literatur Dokumentation Kunst Gesellschaft Fotografie FSB GIRA KEUCO
Kontakt Abonnement Bestellung Anmeldung Impressum
[-]
Vom Sinn und Zweck der Accessoires fürs bad
mehr Bilder

Stadt und Wasser Koloss Mumbai

Wasser ist basis und gefahr für städte

Vertreter der Politik, der Wissenschaft, der Medien und sogar der Wirtschaft sind sich in einem Entwicklungsaspekt irritierend einig: Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Städte.

Keine Stadt spiegelt die darin verborgene Hoffnung genauso wieder wie ein omnipräsentes Gefühl von Angst und Unsicherheit: Mumbai (uns bis vor kurzem noch besser bekannt als Bombay) und ihres Zeichens Metropole des Kapitals und der Wirtschaft Indiens. Nicht nur, dass Mumbai als Paradebeispiel für Aufstieg und Niedergang herhalten kann, es vereinigt diese Unsicherheit auch beispielhaft.

Wasser steht für Leben und Tod, für Aufstieg und Niedergang

Kaum ein Element symbolisiert diese Krux deutlicher als das Wasser. Wasser steht in Indien im Allgemeinen und in Mumbai im Speziellen für Aufstieg und Niedergang, für Leben und Tod. Entstanden aus einer Ansammlung von sieben Inseln, die nach und nach miteinander verbunden wurden und noch heute die Geographie und das Leben bestimmen (rund 18 Kilometer lang, 4,7 km breit, wobei die südliche Spitze nur etwa 1,3 km misst) steht die eigentliche Stadt Mumbai – mit ihren weit mehr als 13 Millionen Einwohnern (jeder Versuch einer Scheingenauigkeit verbietet sich) – für die scheinbar unüberwindbare Abhängigkeit des Dreiklangs von Natur, Mensch und Technik. Das Wasser scheint seit jeher das verbindende Glied in diesem Dreikampf darzustellen, symbolisierte es doch zunächst die Hoffnung der Kolonialmächte, diesen strategisch günstig gelegenen Hafen als Ausgangspunkt für die Kolonialisierung und Ausbeutung des indischen Subkontinents zu begreifen.

An Verkehrsknoten wachsen wirtschaftliche Zentren

Die Exposition zum Wasser war schließlich auch ausschlaggebend dafür, dass der Kreislauf der Textil- und Baumwollindustrie Mumbai (neben Ahmedabad) zu einem der wichtigsten Standorte hierfür gemacht hat. Nachdem die erste Weberei im Jahr 1854 (‚The Bombay Spinning Mill') gegründet wurde, war der erste Höhepunkt in den 1930er Jahren erreicht. Schätzungen besagen, dass zu dieser Zeit rund die Hälfte der Einwohner Mumbais von der Industrie in irgendeiner Form abhängig war. Mit den 1980er Jahren begann der eigentliche Niedergang. Parallel zu dieser Entwicklung verlief auch die Deindustrialisierung Mumbais und der Aufstieg zur Finanzmetropole Indiens setzte ein.

Ein globales Beispiel für wirtschaftliche Abhängigkeit

Dieser Wandel ist nicht nur bedeutsam für die Wirtschaftsstruktur Mumbais und damit Indiens, sondern stellte die Stadtverwaltung vor immense sozial-räumliche Herausforderungen, da es wohl weltweit kaum eine andere Stadt gab, die derart abhängig von einem Wirtschaftszweig war. Durch den wirtschaftsstrukturellen Wandel mussten knapp 60 Baumwollspinnereien aufgeben werden, die eine Fläche von mehreren Quadratkilometern im Herzen der Stadt eingenommen haben. Der Verlust von mehr als 250.000 direkt beschäftigten Arbeitnehmern bedeutet eine weitere Ausweitung des sozialen Gefälles: In Mumbai stellen heute rund 8% der Stadtfläche Slumgebiete dar, es gibt vorsichtigen Schätzungen zu Folge mehr als 600.000 Bettler (von denen allerdings eine große Anzahl organisiert handelt). Diese Zahlen sind umso alarmierender, als dass in Mumbai die Todesrate in Slumgebieten um rund 50% höher ist, als in benachbarten ländlich geprägten Regionen des Bundesstaates Maharashtra. Ausschlaggebend hierfür ist auf prekäre Art und Weise der nicht vorhandene Zugang zu sauberem (Trink)Wasser. Zudem wird die Wasserversorgung für die privaten Haushalte vornehmlich über Tanklaster abgedeckt, wobei die arme Bevölkerung natürlich ausschließlich von diesem Versorgungsnetzwerk abhängig ist. Die Kosten hierfür liegen allerdings auch um ein Vielfaches über den Preisen für Wasser aus dem Wasserhahn und stellen für die Ärmsten der Armen eine besondere Problematik dar, da die Sicherstellung des Wasserhaushaltes alltäglich bewerkstelligt werden muss. Der Teufelskreis beginnt sich zu schließen.

Versiegelung von Boden hat dramatische Folgen

Die gegenwärtige Landnutzungsstrategie ist allerdings auf eine weitere Ausrichtung auf Büro-, Dienstleistungs- und Einkaufszentren fokussiert. Die Stadtregierung operiert vornehmlich nach dem FIRE-Prinzip (Fokus auf die Sektoren finance, insurance, real estate), womit einer weiteren Versiegelung der Stadtfläche Vorschub geleistet wird. Durch Investitionen in entsprechende Immobilien, die hier natürlich eine hochattraktive zentrale Lage vorfinden, werden die Armen verdrängt. Eine weitere Umwidmung von Stadtfläche mit der Folge der Versiegelung lässt zudem Naturkatastrophen wie zuletzt im Juli 2005 immer häufiger wahrscheinlich werden. Mumbai hat mit gerade einmal 120 Quadratmetern pro 1.000 Einwohner unversiegelter Fläche bereits heute die am stärksten versiegelte Stadtfläche weltweit (im Vergleich: London 19.582 Quadratmeter pro 1.000 Einwohner, New York 21.565). Als der Monsunregen am 26. Juli 2005 innerhalb von 24 Stunden Niederschläge von über 940 Litern pro Quadratmeter auf die Stadt schüttete, entwickelten sich blitzschnell reißende Flüsse, die in Mumbai und im Bundesstaat Maharashtra bis zu 1.000 Tote forderten.

Die Zukunft braucht gute Pläne zum Umgang mit dem Wasser

Die Zukunft Mumbais liegt somit zum einen in gehaltvollen planerischen Realisierungen zur zukünftigen Wasserwirtschaft. Die Einbindung des Wassers in und für attraktive Wohn- und Arbeitsstandorte sollte aber sicherlich nicht zu den bevorzugten Strategien gehören. Andererseits wird der unumstößliche Optimismus der Menschen dazu führen, das Beste aus der prekären Situation zu machen und in kleinen Schritten zu verbessern. Denn, dass Wasser durch direkte menschliche Eingriffe kaum zu reglementieren ist, hat die Vergangenheit immer wieder eindrucksvoll bestätigt.

Dr. Stefan Carsten (untersucht derzeit für die DaimlerChrysler AG, Forschungsgruppe Gesellschaft und Technik, die Entwicklungen in Indien)