Der moderne Mythos
Prof. Gunter Gebauer über das Heldenspiel FuSSball
Fußballspiele sind kleine Wunder; auf ihrer staubigen Oberfläche verbergen sie ihren Glanz nach innen. Je weniger sie ihren Tiefgang zu erkennen geben, desto stärker fesseln sie die Spieler und ihre Zuschauer. Für alle Eingeweihten glänzen hier Können, Heldentum, Beherrschung von Kunst und Gegner; hier tut sich eine Welt mit einer Tiefe des Gefühls, des Engagements, der Taten, des Mitteilens auf. Fußballstadien sind Orte der Moderne, an denen der Held sein feierndes Publikum findet.
Eine Gesellschaft wie die englische, deutsche, französische, italienische oder spanische will in ihrem Lieblingsspiel die Handlungsstile und Charakterzüge wiedererkennen, die ihr vertraut sind. Sie will die Vorstellungen, die sie sich von ihrem Können, ihrem Mut und ihrer Energie macht, auf dem Rasen gegen die internationale Konkurrenz aufgeführt sehen. Ein Erfolg im Fußball wird als Beweis dafür gewertet, dass die nationale Mythologie lebt und den aktuellen Zustand der Nation ausdrückt. Dieses Interesse, in dem Handlungsstile, Werte, Mythen und Gefühle zusammenfließen, bildet die engste Verbindung zwischen den Helden und ihrem Publikum. Im Fußball geht es um Werte, die wir ins Zentrum unserer Kultur stellen.
Ein leidenschaftliches Spiel nimmt Willen und Verstand seiner Zuschauer gefangen. Alles, was sie außerhalb des Spiels denken können, wird ausgelöscht. Aber die Faszination durch das Spiel gibt ihnen auch ein Glück und eine Lebendigkeit, die Menschen in einem euphorischen Wahn kennzeichnet. Große Taten in den Fußballarenen entstehen in der körperlichen Erregung, die direkt auf die Athletenmuskeln einzuwirken scheint. In einer solchen erhitzten Luft überträgt sich die Kraft des Wünschens vom Publikum auf die Körper der eigenen Mannschaft. Der Sport ist einer der wenigen Orte, wo die Kraft des Wünschens noch zu helfen scheint, wo sich die Wünsche große Ereignisse und Helden erschaffen. Kein Fußballer wird Held nur aus eigener Kraft – sein Heldentum entsteht erst durch die Unterstützung seiner Fans. An seinen übermenschlichen Leistungen ist die lärmende Begeisterung seiner Gemeinde unmittelbar beteiligt. Die großen Mythengestalten werden viel häufiger jenseits des bürgerlichen Geschmackskanons geschaffen als in den Theatern und Konzertsälen.
Wie ein Drama zeigt das Fußballspiel die Errichtung einer Weltordnung durch einen Helden. Ein Held fasst seine Zeit in Taten. Sein Aktionsraum ist das Spiel, in dem sich das Drama des Fußballspiels um ihn herum entwickelt. Er ist wie der Seigneur des Rittertums von Vasallen umgeben, die ihm den Rücken frei halten und die groben Arbeiten abnehmen. Sie laufen, schuften, foulen für ihren Herrn, sind seine Lunge, Mauer, Notreserve; sie sind zur Stelle, wenn ihre Unterstützung gebraucht wird. Was sie leisten, wird ihrem Herren gutgeschrieben. Im Zentrum jeder großen Mannschaft waltet ein Held, der alle Fäden in der Hand hält. Um ihn herum ist leerer Raum. Selbst wenn er von gegnerischen Spielern umstellt ist, findet er mit kurzen Körpertäuschungen und blitzschnellen Ballbewegungen eine Gasse, die sich in der scheinbar undurchdringlichen Dichte für ihn öffnet. Ein dramatischer Held, wie Zidane oder Maradona, erschafft sich unfassbare Freiräume, selbst wenn er von drei, vier Abwehrspielern wie von einer Mauer umgeben ist. Er hat die Fähigkeit, ein Kraftfeld zu erzeugen und dieses zu bestimmten Strukturen zu ordnen, die niemand außer ihm antizipieren kann. Wenn er wie Inzaghi pfeilschnell in den freien Raum vor dem Tor hineinstößt, hat er plötzlich den Ball vor seinen Füßen.
Wenn man einen solchen Akteur sieht, der alles ordnet, vieles vorhernimmt, seine Handlungen so einsetzt, dass alle tun, was er will, ist man bereit, ihm eine Art magischer Macht zuzusprechen. Sie besteht nicht nur aus reiner Körperkraft und Energie, sondern aus einer Beherrschung aller anderen Spieler auf dem Platz. Seine überraschenden Handlungen entstehen nicht aus gedanklicher Planung, sondern entzünden sich blitzartig durch einen Funken, der den Geniestreich auslöst. Macht übt der Held im Fußball ohne brachiale Gewalt aus; es hat eher den Anschein, als würden die Gegenspieler für ihn spielen.
Petra Kahlfeldt
Kahlfeldt Architekten, Berlin
Leidenschaften neben der Architektur:
Kochen, Reisen, …
Ein Gebäude spricht mich an, wenn …
es mit besonderer Sorgfalt geplant wurde.
Abrisswürdig finde ich …
Wohnungsbauprojekte der 70-er Jahre
Lieblingsfarbe:
drei Millionen freundliche Grautöne
Meine zweite Hälfte ist besser …
in Toleranz üben, im Ordnung schaffen,
im Erinnern, im Großzügig sein.
Liebe ist …
selten.
Neben den Seigneurs gibt es auch die Helden, die im Rausch spielen und beim Gegner Schwindelgefühle und Verwirrung hervorrufen, wie früher Garrincha, der Gegenpol zu Pelé, oder heute Franck Ribéry. Bei ihnen besteht Fußballspiel darin, die Ordnung durcheinanderzubringen. In ihren genialen Aktionen drückt sich eine Besessenheit aus, die manchmal göttlichen, manchmal tierischen Ursprungs zu sein scheint. Gegenüber den Lichtgestalten repräsentieren sie die dämonische Seite des Spiels. An ihnen zeigt sich, welche unerhörte Kraft und Kreativität im Inneren einer Person lagern, die verrückt genug ist, sich ihren Räuschen hinzugeben.
Große Fußballspieler erhalten, anders als Politiker und Feldherren, keine Denkmäler, sondern leben wie die Heroen der Antike in Mythen weiter. Ein solcher Mythos ist nie abgeschlossen, sondern spinnt ein unendliches Gewebe, an dessen Herstellung viele beteiligt sind. Die Mythen des Sports beschreiben eine Welt der Kämpfe. Sie beweisen, dass es auch in der bürgerlichen Zeit epische Erzählungen geben kann. Je stärker die Überzeugung ist, dass das Leben grundsätzlich von Kämpfen geprägt wird, desto besser sind die Mythen des Sports geeignet, der gegenwärtigen Situation Ausdruck zu verleihen.
Die Mythen des Fußballs sind aus der gewöhnlichen Welt herausgehoben, aber auf untergründige Weise doch mit dieser verbunden. Ein Kleinbürgerspross wie Beckenbauer wird zum Genie, ein anderer wie Beckham erhält den Titel des Galaktischen. Im Fußball gewinnen die Helden einen Handlungspielraum und eine schrankenlose Macht, die es anderswo seit langem nicht mehr gibt. Der Sport zeigt aber auch die Vergeblichkeit ihrer Anstrengung, die von ihnen geschaffene Ordnung auf Dauer zu erhalten. Im Mythos hingegen überleben sie – als Erzählfiguren – ihr endgültiges Scheitern. Jede neue Erzählung ist ein immer erneuerndes Hineinholen in die jeweils neue Gegenwart.
Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin. Er ist Leiter des Forschungsprojektes "Die Aufführung der Gesellschaft in Spielen" und veröffentlichte 2006 ein Buch mit dem Titel "Poetik des Fußballs" (Campus Verlag, Frankfurt/New York).

