Plastik-David gegen Goliath?
Interview mit Pascal Comelade
Pascal Comelade setzt mit Spielzeugklavier und Strohhalmtuba kleine Zeichen gegen einen maßlosen Musikbetrieb. Mit Heldentum hat er allerdings so seine Schwierigkeiten.
BerührungsPUNKTE: Als Katalane setzen Sie
sich ein für den Fortbestand katalonischer
Kultur. Wir leben nun aber in einer Zeit, in
der viel über das Zusammenwachsen der
Kulturen gesprochen wird, also über Globalisierung.
Bei allem Respekt – wie schaffen Sie
es, in dieser Zeit die rot-gelbe Flagge einer
Region hoch zu halten?
Pascal Comelade: Hm... Ich bin nun 50
Jahre alt und habe mit dem Musikmachen in
den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts
begonnen, also in einer politisch und geografisch
bestimmten Situation. Davon bin
ich sicher geprägt. Aber was ich persönlich
nun denke über Architektur, über Politik oder
über Fleischwaren, das ist vor allem meine
persönliche Sache. Als Musiker bin ich keinesfalls
ein Sprachrohr für irgendetwas.
BerührungsPUNKTE: Es ist aber schon wichtig
für Sie, wo Sie herkommen.
Pascal Comelade: Ja, sehr! Meine Jugend
habe ich in Perpignan verbracht oder in
Montpellier. Aber mein ganzes Leben, wirklich
mein ganzes Leben lang habe ich Barcelona
als meine Hauptstadt betrachtet.
So einfach ist das. Frankreich ist ein verschlossenes
Land, übertrieben ich-bezogen,
chauvinistisch, zentralisierend, ein Land, das sich seit Jahrhunderten
als Zentrum der Welt betrachtet und das gewisse Ansichten über die
Nachbarn pflegt. Darunter leiden wir sehr, egal ob Basken, Katalanen,
Italiener oder Andalusier. Das ist eine Frage der Identität.
Ich komme von einem bestimmten Fleck und habe dieselbe Kultur
wie jeder Mensch aus dem Abendland erhalten, aber zusätzlich zur
englischen, amerikanischen und internationalen Kultur der 60-er
Jahre habe ich ein enormes kulturelles Erbe erhalten, das ich bewahrt
habe. So besteht meine Musik zu 50% aus Material, das bestimmt ist
durch mein Land. Und dieses Material bringe ich in meine Arbeit ein.
Wäre ich Libanese oder Norweger – ich glaube, ich würde das Gleiche
tun. Ich sage nicht, dass alles wunderbar ist. In allen Kulturen gibt es
brilliante Dinge und gleichzeitig den größten Mist, wissen Sie?
Es ist auch richtig, dass das Konzept der Weltmusik, die Ende der 90er
Jahre begonnen hat, mich niemals interessiert hat. Dadurch wird mir
vielleicht eine gewisse Position unterstellt. Aber niemals, wirklich
niemals würde ich eine Kultur einer anderen entgegensetzen. Als
wir 1983 unser Orchester gründeten, war dies ein echt europäisches
Projekt, denn es spielten dort Niederländer, Italiener, Deutsche,
Franzosen, Spanier, Katalanen, Amerikaner, Musiker von überall.
BerührungsPUNKTE: Von welchen Einflüssen lassen Sie sich leiten,
außer von den katalanischen Wurzeln?
Pascal Comelade: Vor allem vom Rock'n Roll der 60-er und 70-er
Jahre, Filmmusik, das italienische Lied und anderes. Also die Musik,
die man in den 60-er Jahren im Radio und auf der Straße hörte.
BerührungsPUNKTE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Spielzeuginstrumente
zu spielen?
Pascal Comelade: Eines Tages in den 70-er Jahren, habe ich eine CD
von John Cage mit einem Spielzeugklavier gehört. Ich habe dann mit
Spielzeuginstrumenten begonnen, meine eigene musikalische Sprache
zu finden. Ich verwende Spielzeuginstrumente gleichzeitig, weil
das Dinge sind, die für mich wegen meiner pianistischen Begrenztheit
sehr praktisch sind, und auf einem Spielzeugklavier habe ich den
Eindruck, ein echter Pianist zu sein. (lacht)
BerührungsPUNKTE: Wenn man den Flügel neben dem Plastikklavier stehen sieht, erinnert das Bild an David gegen Goliath, wobei das kleine Klavier eher der komische Held ist. Möchten Sie, abgesehen von Ihrer Suche nach einer eigenen musikalischen Sprache, dem Publikum durch dieses Arrangement eine Botschaft mitteilen? Pascal Comelade: Nein, es geht dabei nicht um eine Botschaft. Ich stelle vielmehr fest, dass ich in den zehn Jahren, in denen ich diese Spielzeuginstrumente verwende, absolut überall habe spielen können. Also auf der Straße, bei Volksfesten, in Punkbars, in städtischen Theatern. Ich konnte mit sehr unterschiedlichen Leuten zusammen arbeiten, mit Jeanne Moreau, Bob Wilson und Robert Whyatt. Ich sage nicht, dass es immer eine Massenhysterie gab, aber es hat eben immer funktioniert, auf eine sehr menschliche Weise. Verglichen mit der Mehrheit der Massenmusikereignisse, die Veranstaltungen in Stadien mit besonderer Beleuchtung und so weiter, finde ich sehr wichtig, von Zeit zu Zeit zu einfach menschlichen Situationen zurückzufinden, menschlich in allen Bedeutungsfacetten. Heute wird das "Überspektakel" zu sehr in den Vordergrund gestellt mit mindestens 25.000 Zuschauern, das gilt übrigens für alle musikalischen Genres. Wir sind in einer Zeit der totalen Maßlosigkeit in Bezug auf musikalische Ausübung angekommen. Es ist mein Luxus, etwas anderes dagegenzusetzen und glauben Sie mir, es schmeichelt mir tatsächlich sehr, dass ich vor jedem Publikum spielen kann. Paradoxerweise funktioniert diese etwas brutale Art des Musikmachens bei allen. Es ist vielleicht eine Art Volksmusik ohne den üblicherweise dabei mitschwingenden negativen Unterton. Und wissen Sie, das lässt mich ein Träumer bleiben, weil ich denke: Also doch! Alle mögen die banale und menschliche Art der Musik
BerührungsPUNKTE: Ihre Musik funktioniert überall, aber trotzdem werden Sie vermutlich unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Als ich Ihre Musik zum ersten Mal gehört habe, musste ich lachen, weil ich mich fragte: Was macht der Mann? Schlägt er auf eine gut gefüllte Damenhandtasche oder was hat er da? Pascal Comelade: Ja, ja, genau. Die Reaktionen sind tatsächlich sehr unterschiedlich. Der eine lacht, der andere ist gerührt und noch ein anderer verlässt den Saal. Nur damit wir uns richtig verstehen, es gibt Leute, die nach kurzer Zeit gehen. Ich weiß, dass das, was ich mache, in gewisser Weise extrem ist. Es ist leicht, einfach, schlicht, und natürlich werde ich auch kritisiert. Aber bisher habe ich nur zwei schlechte Kritiken gehabt, hören Sie, das ist gar nichts. (lacht) Und die waren von zwei wirklich schlechten Konzerten. Man kann nicht immer brilliant sein. Wenn man auf die Bühne geht und vor die Leute tritt, die für das Konzert bezahlt haben oder die jedenfalls diese Musik hören wollen, dann ist das eine sehr spezielle Situation, die eher in den Bereich der Psychiatrie fällt als in das normale Leben. Wie ein Torrero, ein Held in der Arena: Vor dem Stierkampf ist er in gewisser Weise wahnsinnig, er ist "out", im Ausnahmezustand.
BerührungsPUNKTE: Wenn Sie zwei Angebote hätten, Filmmusik zu machen, und die Filme hießen "Der weiße Hai" und "Die fabelhafte Welt der Amelie" – welchen würden Sie wählen? Pascal Comelade: Keinen von beiden. Dieses Kino interessiert mich nicht. Ich nähme einen Animationsfilm von Tim Burton. Ich würde lieber etwas Abstraktes vertonen, etwas Poetisches, aber nichts, was zum typisch französischen Kino gehört. Zu vielen Filmen würde meine Musik auch nicht passen, weil sie eine Miniaturform ist. Das Kino verlangt technische Gegebenheiten im Klangbereich, die für mich grauenhaft sind.
BerührungsPUNKTE: Sie haben schon öfter Live-Musik im Kinosaal gemacht. Was gefällt Ihnen daran? Pascal Comelade: Für einige Filme ja, eben für die abstrakten oder auch für ganz, ganz alte Filme. In allen künstlerischen Bereichen, habe ich mich immer für die Archäologie des Genres interessiert, für das, was am Anfang war: Ich mache also Livemusik für die allerersten Western, für alte spanische Animationsfilme, also für Leute, die in diesem Bereich noch vor Georges Méliès gearbeitet haben, und dann habe ich häufig Musik gemacht für den ersten abstrakten Film von Jean Vigo, "A propos de Nice" (1930), sehr interessant.
BerührungsPUNKTE: Kommen wir von den Westernhelden in Filmen zu denen im wirklichen Leben. Wer war der Held oder die Heldin Ihrer Jugend? Pascal Comelade: (schweigt lange) Im musikalischen Bereich war es eindeutig Jimi Hendrix. Seine Musik war so anders als alles, was ich bis dahin gehört hatte. Und dann kam er, und ich dachte: alles ist möglich. Alles. Western habe ich auch noch gemocht, John Wayne. Und Rennsport! Früher wollte ich Rennfahrer werden. Und heute? Ich habe nicht mal den Führerschein gemacht. (lacht) Also, mit der Jugend ist da so eine Sache – es ist halt die Jugend.
BerührungsPUNKTE: Gibt es heute einen Helden für Sie? Pascal Comelade: Also im Bereich der Politik ganz sicher nicht. Keiner von denen, die sich zum Sprecher für irgendetwas gemacht haben. Ich hege viel Bewunderung für die Welt der Malerei: Miguel Barceló, Francis Bacon. Mettre les tripes sur la table. Man muss handeln und die Dinge auf den Tisch bringen. Ich tue mich etwas schwer mit der Frage nach den Helden, und das liegt vielleicht daran, dass ich aus einer Zeit komme, in der es viele Helden gab. In der Nachkriegszeit gab es sie im Sport, in der Politik, in Literatur und Kino, einfach überall. Das Wichtigste im Moment ist doch das Wohlergehen der Menschheit, das Wohlergehen einer Person. Und im Moment sehe ich keine Persönlichkeit, die auf dieses Ziel hin arbeitet. Voilà. Interview: Cornelia Büning
PASCAL COMELADE
ist einer der innovativsten Musiker Frankreichs, ein richtiges Original. Pascal Comelade, französisch-katalanischer Komponist und Instrumentalmusiker, ist einer der bekanntesten katalanischen Musiker, allerdings kein Pop-Star für das breite Publikum, vielmehr schätzen ihn Musikliebhaber und Filmemacher. Comelade wurde 1955 in Montpellier geboren und lebt heute in der Nähe von Cerét. In Nordspanien ist Comelade bekannter als in seiner südfranzösischen Heimat. Dabei gilt seine Musik zum Beispiel in ganz Europa als Geheimtipp für die musikalische Gestaltung von Filmen.
Nachdem Comelade einige Jahre in Barcelona gelebt hatte, veröffentlichte er dort 1975 seine erste Platte "Fluence", die von elektronischer Musik beeinflusst war. Später wandte er sich der akustischen Musik zu, wobei seine Kompositionen oft auf Spielzeuginstrumenten gespielt werden. Seine minimalistischen, aber ausdrucksstarken Stücke sind rhythmusbetont und nehmen häufig Tango- oder Walzerrhythmen auf.
Die größte Anerkennung genießt Pascal Comelade im spanischen Südkatalanien. In Deutschland wurde seine Musik spätestens 2005 als Filmmusik zu "Sommer vorm Balkon" von Andreas Dresen bekannt. Der Regisseur schwärmte: "Er arbeitet mit Kinderinstrumenten, eine fast naive Musik. Es hatte für mich etwas Beglückendes, weil es so einen warmen, weiten Ton in die Geschichte herein brachte, gleichzeitig aber auch eine Naivität und Kleinheit behauptete."
Die Kompositionen und Interpretationen von Pascal Comelade sind kleine Schmuckstücke der Leichtigkeit und Heiterkeit. Kinderinstrumenten gilt dabei seine besondere Leidenschaft: Plastikgitarren, Plastikflöten, Strohhalme, besonders aber Spielzeugpianos bringen ausgefallene Gitarrenriffs und wiedererkennbare Bläserpassagen zum Klingen. Durch den Einsatz dieser merkwürdigen und unperfekten Instrumente schwingt die Musik Comelades zwischen augenzwinkernder Imitation großer Melodien und anrührender Ehrlichkeit einer im Wortsinn einfachen Musik. Der minimale Einsatz von Instrumenten, schrieb ein Kritiker, lässt die Schönheit der Musik erst richtig leuchten.
Sein neues Album "Métode de Rocanrol" sowie eine Best of-CD sind soeben in Frankreich erschienen und kommen europaweit im Frühjahr 2008 auf den Markt.





