Die Intuition weiss alles.
Wie man rational an die Intuition herantritt
Mit dem kühlen Verstand, so glauben wir, treffen wir die besten Entscheidungen. Auf unsere Gefühle dagegen ist kein Verlass. Gerade die Leidenschaft wurde seit eh und je mit Misstrauen beäugt.
Schon die alten Griechen hoben den Verstand und die Vernunft zur obersten Instanz in uns. Und die Leidenschaft? "Pathos" sagten die Griechen dazu, und vom Pathos zur Pathologie, der Lehre von den Krankheiten, ist der Weg nicht weit. Eine kleine Gruppe von Meisterdenkern, die Stoiker, vertrat sogar die Ansicht, Gefühle seien so etwas wie Denkfehler. In den Augen der Stoiker war der Weise ohne Affekt. Diese Sicht zog sich im Großen und Ganzen durch die Epochen bis hin zur Neuzeit, obwohl es natürlich immer wieder Ausnahmen gab, wie zum Beispiel die Romantik. Erst in den letzten zwanzig Jahren jedoch ist man zu einer grundlegend neuen Bewertung von Verstand und Gefühl gekommen – und zwar in der Wissenschaft.
Ich bin der Sache nachgegangen und habe mehr als ein Dutzend Wissenschaftsinstitute zwischen Berlin und Sydney besucht, in denen Forscher dem Verstand und den Gefühlen genauer auf den Grund gehen.
Der Mann, der zwei Frauen liebte
In Berlin besuchte ich unter anderem Gerd Gigerenzer, er ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Zwei Tage lang folgte ich dem Mann auf Schritt und Tritt, besuchte seine Seminare, sprach mit seinen Doktoranden und Post-Doktoranden. Am Ende quoll mein Kopf über vor Informationen. Ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und in meiner Verzweiflung fragte ich Gigerenzer, ob er mir seine Forschung vielleicht knapp auf den Punkt bringen könne.
Da erzählte mir der Wissenschaftler die Geschichte von einem Mann, der zwei Frauen liebte. Die eine liebte er aus ganz anderen Gründen als die zweite. Dummerweise wussten die beiden von einander und hatten dem Mann die Pistole auf die Brust gesetzt: entweder sie oder ich! Also nahm der Mann ein Blatt Papier und schrieb alles auf, was ihm wichtig war. Beispielsweise bewertete er das Aussehen der Frauen und fragte sich, welche der beiden wohl im Alter die interessantere Gesprächspartnerin sein würde. Für jedes Kriterium gab es so eine bestimmte "Note". Am Ende zählte er alle Noten zusammen und sah sich das Ergebnis an. "Wissen Sie, was dann geschah?", fragte mich Gigerenzer. "Er sah das Ergebnis und spürte intuitiv: Es ist falsch!"
Schließlich beschloss der Mann, auf seine Strichliste zu verzichten und auf sein Herz zu hören. Und wie Gigerenzer erzählte, lebte der Mann – ein Bekannter Gigerenzers – viele Jahre mit der Frau seines Herzens. "Er war glücklich", sagte Gigerenzer. "Er hatte die richtige Wahl getroffen."
Kopf oder Bauch
Was mich an dieser Geschichte am meisten verblüffte, war, dass sie nicht etwa von einer hoffnungslos romantischen Romanautorin oder einem Dichter stammte, sondern von einem Wissenschaftler, der seit zwanzig Jahren nichts anderes tut, als den menschlichen Verstand zu ergründen. Selbstverständlich war es nur eine Anekdote, mit der mir Gigerenzer die Essenz seiner empirischen Studien zusammenzufassen versuchte, aber immerhin: Er tat es mit dieser Geschichte. Er tat es mit einer Geschichte, die besagt: Manchmal sind unsere Gefühle oder Bauchentscheidungen "klüger" als der abwägende Verstand.
Und mit dieser Einschätzung steht Gigerenzer beileibe nicht allein da. Im Gegenteil, viele Experten teilen seine Ansicht. In eine sehr ähnliche Richtung geht zum Beispiel der US-Psychologe Tim Wilson, ein Pionier auf dem Feld der Entscheidungsforschung. So berichtet Wilson in seinem kürzlich erschienenen Buch "Gestatten, mein Name ist Ich" (Pendo 2007) unter anderem darüber, wie seine Immobilienmaklerin vorgeht, um herauszufinden, in was für einem Haus ihre Kunden am liebsten wohnen würden: "Wenn sie einen Kunden zum ersten Mal trifft", schreibt Wilson, "hört sie geduldig zu, was für Wünsche und Vorlieben er hat, und nickt zustimmend." Dann vergisst sie alles, was sie gehört hat und zeigt ihrem Kunden eine große Vielfalt von Häusern – gerade auch solche, die der Kunde in seiner Beschreibung abgelehnt hat. "Bei den Besichtigungen achtet die Maklerin genau auf die emotionalen Reaktionen des Kunden, während sie durch die Häuser gehen, und versucht zu schlussfolgern, [8] [9] wonach er tatsächlich sucht. Oft, so sagt sie, komme sie dabei zu dem Schluss, dass die Menschen etwas ganz anderes suchen, als sie ihr gerade beschrieben haben."
Gigerenzers und Wilsons Beispiele haben eins gemeinsam: Wir neigen dazu, gerade bei wichtigen Entscheidungen (Lebenspartner im einen, Immobilie im anderen Fall) auf unseren Verstand zu setzen. Wir machen Strichlisten und versuchen unsere Wünsche klar in Worte zu fassen. Manchmal aber widersetzen sich unsere Gefühle den Entscheidungen des Verstandes. Und während die Stoiker dem Verstand im Zweifelsfall den Vorzug gegeben hätten, sind sich heutige Forscher da nicht mehr so sicher. Nein, eher umgekehrt sagen sie: Insbesondere bei wichtigen, komplexen Entscheidungen sollte man auf seinen Bauch hören.
Nur: Wie lässt sich das erklären? Wie kann es sein, dass der Bauch dem Kopf manchmal überlegen ist?
Die Macht des Unbewussten
Eine Antwort auf diese Frage erhielt ich in einem Labor in Amsterdam. Dort besuchte ich den Psychologen Ap Dijksterhuis, der dazu einige spektakuläre Studien gemacht hat, manche davon erschienen 2006 im angesehenen US-Forschermagazin "Science". Dijksterhuis präsentierte Testpersonen vier Informationen über vier verschiedene Autos, also insgesamt 16 (vier mal vier) Informationen. Ein Auto war besonders toll ("hat viel Beinfreiheit", "ist schnell" usw.), zwei lagen im Mittelfeld, während das vierte eher einer Rostlaube glich.
Der Forscher teilte die Testpersonen in zwei Gruppen: Die einen lasen zunächst die 16 Informationen, sollten anschließend eine Weile über die vier Autos nachdenken und sich dann für das beste entscheiden. Die anderen bekamen zunächst die Informationen dargeboten und wurden unmittelbar danach mit einer Sprachaufgabe abgelenkt, so dass sie nicht weiter bewusst über die Infos nachdenken konnten. Dann sollten auch sie sich für das beste Auto entscheiden. Wie nicht weiter überraschend, wählten vor allem jene, die zuvor bewusst über die Autos nachgedacht hatten, mit Leichtigkeit das beste Auto heraus – kaum mehr jedoch als die Leute, die man abgelenkt hatte.
Dann kam die große Überraschung. In einer zweiten Versuchsvariante konfrontierte Dijksterhuis die Testpersonen nicht mehr mit vier Informationen pro Auto, sondern mit zwölf, das heißt mit insgesamt 48 (vier Autos mal zwölf Eigenschaften) Informationen. Und siehe da, nun wendete sich das Blatt: Wie es schien, verhedderten sich die bewussten Denker in den vielen Infos, trafen eine schlechte Wahl, entschieden sich öfters für ein Auto aus dem Mittelfeld. Jene Testpersonen dagegen, die man eine Weile abgelenkt hatte und die die Entscheidung anschließend "aus dem Bauch heraus" trafen, wählten nun zielsicher das beste Auto!
Wie lässt sich dieser Befund erklären? Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen dem bewussten Verstand und dem Unbewussten. Studien zeigen, dass der bewusste Verstand einen sehr begrenzten Arbeitsspeicher hat, man spricht von maximal 60 Bits pro Sekunde. Bits, das sind die Basiseinheiten der Information (das Wort stammt von "binary digit", Binärziffer).
Das Unbewusste wird dagegen mit Millionen von Bits pro Sekunde fertig. Gerade bei schwierigen Entscheidungen geraten wir ins Grübeln und bemühen den Verstand. Dabei, sagt der Psychologe Dijksterhuis, sollten wir angesichts des Kapazitätsunterschieds von bewusstem Verstand und unserem Unbewussten genau umgekehrt vorgehen und just dann, wenn es komplex wird, mehr auf unseren Bauch, unser Unbewusstes und unsere Gefühle hören. Es geht nicht unbedingt darum, immer spontanen Launen zu folgen, sondern Eindrücke ins Unbewusste sacken zu lassen – und erst nach einer kleinen "Inkubationsphase" zu entscheiden.
Um es kurz zusammenzufassen: Gerade hinter den großen Entscheidungen des Lebens sollte immer auch eine große Leidenschaft stecken. Leidenschaft heißt, dass unser ganzes Ich von der Sache überzeugt ist, und nicht nur diese dünne Schicht in uns namens Verstand. Oft weiß unser Verstand gar nicht, was wir wollen, in was für einem Haus wir leben wollen, in was für einem Haus sich unser Unbewusstes und unser Körper wohl fühlen. Dann sollten wir auf unsere Gefühle hören. Mit gutem Gewissen.


