FLOW . CONTROL. für alle.
Im Gespräch mit trendforscher Peter Wipp ermann
"Trends sind Anpassungsstrategien an sich verändernde Umwelten." Und dieser Strategien bemächtigt sich jeder von uns: zu jeder Zeit, im Großen wie im Kleinen, bewusst oder unbewusst. Falls Sie nun Mode-, Musik- oder Lifestyletrends assoziieren, hier einige Unterscheidungsmerkmale:
Trend
Aus dem Englischen: trend, to trend, übersetzt mit: sich erstrecken, in eine bestimmte Richtung verlaufen, kurz: eine über einen gewissen Zeitraum bereits zu beobachtende statistisch erfassbare Entwicklungstendenz.
Mode
Aus dem Lateinischen: modus, also Maß, Gemessenes, Erfasstes, ist etwas, das dem gerade herrschenden, bevorzugten Zeitgeschmack entspricht. Etwas, das einem zeitbedingten verbreiteten Interesse, Gefallen oder Verhalten entspricht.
Zeitgeist
Zeitgeist wiederum steht für die in einer bestimmten Zeit charakteristischen allgemeinen Gesinnung, geistigen Haltung.
Die Grenzen sind fließend, die Schnittmengen groß und die Auslegung der Definitionen im allgemeinen Sprachgebrauch nicht eindeutig. Schnell spricht man heute von einem Trend und meint eigentlich Mode oder ist sich nicht bewusst, dass demografischer Wandel der Megatrend schlechthin ist.
Wir sprachen mit dem Gründer des Trendbüros Hamburg, Peter Wippermann, über jene Schnittmengen, über den Einfluss von Trends auf die Architektur und Begrifflichkeiten des Wandels: Flow. Control. Unter dieser Headline stand der 15. Deutsche Trendtag in diesem Jahr – initiiert und geleitet von Wippermann persönlich. Ebenso wie die Architektur lebt die Trendforschung von der Interdisziplinarität der Beteiligten. Es kommt auf die Blickwinkel an, die Verknüpfungen, die Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Branchen, Lebens- und Arbeitsbereichen und Entwicklungen.
So erkennt Peter Wippermanns Team Trends als solche, beobachtet ihre Entwicklung und interpretiert den gesellschaftlichen Wandel. Ein Team, das unterschiedliche Kompetenzen bündelt, in dem Wirtschaftswissenschaftler Hand in Hand mit Soziologen und Ethnologen, Marketingexperten mit Designern und Kulturwissenschaftlern arbeiten, unterstützt von einem über den gesamten Globus gespannten Netzwerk aus Korrespondenten, Trendscouts und Experten. Geht es dem Trendbüro in erster Linie darum, seine Kunden, die aus der Medien- und Konsumgüterbranche kommen, zu beraten, wie Veränderungen in Kundenstrukturen rechtzeitig antizipiert, Trends gewinnbringend einbezogen und Angebote und Strategien an Umfeldveränderungen angepasst werden können, so zeigt allein das Thema "Flow. Control." den Mehrwert dieser Erkenntnisse für alle Berufszweige – und eben auch für den der Architekten.
Auf die Frage, was denn ein typisches Trendexpertenvokabular sei, antwortete Peter Wipperman: "Denglisch!!" – Und wie recht er hat. Seine Ausführungen zu Flow. Control. sind mit lauter englischen Begriffen gespickt, die sich manchmal tatsächlich auf den zweiten Blick von selbst erklären – gern aber auch Fragezeichen hinterlassen.
"Nicht die Quantität der Information, sondern die Qualität der Kommunikation führt zum Erfolg." Oder: Es ist nicht wichtig, was A sagt, sondern was B versteht. Wippermann hat erkannt, dass für ein Unternehmen die permanente Beziehung zum Kunden der entscheidene Wirtschaftsfaktor wird. Vorbei das Denken in Masse, Anonymisierung und Service vom Band – individuelle Dialoge mit jedem Kunden weltweit heißt die Devise.
Unter der Betrachtung des anschwellenden Datenstroms durch das Internet in allen Bereichen verschmelzen die Grenzen von Arbeit und Freizeit. Alles fließt ineinander, alles ist in Bewegung, verändert sich ständig, ist nicht kontrollierbar. Für Menschen, die noch nicht zuhause sind in der virtuell überschwemmten Welt (Digital Visitors), bedeutet der Rückzug in die analoge Privatsphäre die Rettung, den Ausstieg – eben Control.
Die Digital Resistents (in der digitalen Welt Beheimateten) gehen auf im Flow des Networks. "Die erste Wirklichkeit der realen Welt kombinieren sie in Echtzeit mit der virtuellen zweiten Wirklichkeit. (...) Spontan handeln zu können und ein unmittelbares Feedback zu bekommen gibt ihnen ein Gefühl, die Kontrolle über ihre Aktivitäten zu behalten. Control bedeutet bei ihnen Mitgestaltung, nicht mehr Meinungsmacht."
Cherry Picking statt Fleißarbeit, Selbstkontrolle statt Systemkontrolle. Flow. Control. lautet ihre Lebensphilosophie und: der Zukunftstrend für Unternehmen.
Wippermanns Prognose, dass dies der Trend sein wird, der in einer dynamischen und flexiblen Gesellschaft zum Wettbewerbsvorteil führt – und privat zum Glück – lässt aufhorchen und hoffen. Und vielleicht stellt sich nun für den einen oder anderen Leser die Frage, wie altmodisch "analog" denn sein kann und darf, ob sich die Einstufung "klassisch" diesen Zuordnungen entzieht oder wie sie denn mit Flow. Control. in Einklang gebracht werden kann.
In einem Telefoninterview versuchte die BerührungsPUNKTE-Redaktion Herrn Wipperman aus der Reserve zu locken und den Geheimnissen der Trendforschung auf die Spur zu kommen. Und zu erfahren, wie denn dieser öffentlichkeitswirksame Mann seinen Mann steht bei persönlichen Geschmacksfragen.
Peter Wippermann, geboren 1949 in Hamburg. Tätigkeiten im Grafik-Designstudio seines Vaters, Artdirector beim Rowohlt Verlag und beim ZEITmagazin. 1988 Gründung von "Büro Hamburg der Gesellschaft für Kommunikationsdesign". 1992 Gründung des "Trendbüro Hamburg", Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel mit Matthias Horx. Seit 1993 Professor für Editorial Design im Studiengang Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste, Essen.

