Von einem armen, reichen Manne
Adolf Loos und Assoziierte
Vor über 100 Jahren skizziert der Wiener Architekt Adolf Loos in seinem Text vom armen, reichen Manne die Beziehung zwischen Architekt und Bauherr. Eine Beschreibung, bei der beide Seiten nicht gut wegkommen. BerührungsPUNKTE fragte zeitgenössische Kreative aus dem architektonischen Umfeld nach ihrer Einschätzung zu dem Thema und stellt die Statements dem Loos-Text anbei.
Von einem armen, reichen manne will ich euch erzählen. Er hatte geld und gut, ein treues weib, das ihm die sorgen, die das geschäft mit sich brachte, von der stirne küßte, einen kreis von kindern, um die ihn der ärmste seiner arbeiter beneidet hätte. Seine freunde liebten ihn, denn was er angriff, gedieh. Aber heute ist es ganz, ganz anders geworden. Und das kam so:
Eines tages sagte sich dieser mann: Du hast geld und gut, ein treues weib und kinder, um die dich der ärmste arbeiter beneiden würde. Aber bist du denn glücklich? Siehe, es gibt menschen, denen alles fehlt, worum man dich beneidet. Aber ihre sorgen werden hinweggescheucht durch eine große zauberin, die kunst. Und was ist dir die kunst? Du kennst sie nicht einmal dem namen nach. Jeder protz kann seine visitenkarte bei dir abgeben. Und dein diener reißt die flügel auf. Aber die kunst hast du noch nicht bei dir empfangen. Ich weiß wohl, daß sie nicht kommt. Aber ich werde sie aufsuchen. Wie eine königin soll sie bei mir einziehen und bei mir wohnen.
Er war ein kraftvoller mann, was er anpackte, wurde mit energie ausgeführt. Das war man immer bei seinen geschäften gewohnt. Und so ging er noch am selben tage zu einem berühmten architekten und sagte ihm: "Bringen sie mir kunst, die kunst in meine vier pfähle. Kostenpunkt nebensache."
Der architekt ließ sich das nicht zweimal sagen. Er ging zu dem reichen manne hin, warf alle seine möbel hinaus, ließ ein heer von parkettierern, spalierern, lackierern, maurern, anstreichern, tischlern, installateuren, töpfern, teppichspannern, malern und bildhauern einziehen und hui, hast du nicht gesehen, war die kunst eingefangen, eingeschachtelt, wohlverwahrt in den vier pfählen des reichen mannes. Der reiche mann war überglücklich. Überglücklich ging er durch die neuen räume. Wo er hinsah, war kunst, kunst in allem und jedem. Er griff in kunst, wenn er eine klinke ergriff, er setzte sich auf kunst, wenn er sich in einem sessel niederließ, er vergrub sein haupt in kunst, wenn er es ermüdet in die kissen vergrub, sein fuß versank in kunst, wenn er über die teppiche schritt. Mit einer ungeheuren inbrunst schwelgte er in kunst. Seitdem auch sein teller mit artistischem dekor versehen war, schnitt er sein boeuf à l'oignon noch einmal so fest entzwei.
Man pries ihn, man beneidete ihn. Die kunstzeitschriften verherrlichten seinen namen als einen der ersten im reiche der mäzene, seine zimmer wurden zum vorbild und zur darnachachtung abgebildet, erläutert und erklärt. Aber sie verdienten es auch. Jeder raum bildete eine abgeschlossene farbensymphonie. Wand, möbel und stoffe waren in der raffiniertesten weise zusammengestimmt. Jedes gerät hatte seinen bestimmten platz und war mit den anderen zu den wunderbarsten kombinationen verbunden. Nichts, gar nichts hatte der architekt vergessen. Zigarrenabstreifer, bestecke, lichtauslöscher, alles, alles war von ihm kombiniert worden. Aber es waren nicht die landläufigen architektenkünste, nein, in jedem ornamente, in jeder form, in jedem nagel war die individualität des besitzers ausgedrückt. (Eine psychologische arbeit, deren schwierigkeit jedermann einleuchten wird.)
Der architekt aber wehrte alle ehren bescheiden ab. Denn, sagte er, diese räume sind gar nicht von mir. Da drüben in der ecke steht nämlich eine statue von Charpentier. Und wie ich es jedem verübeln würde, ein zimmer als seinen entwurf auszugeben, sobald er vielleicht nur eine meiner türschnallen verwendet hätte, gerade so wenig kann ich mir nun herausnehmen, diese zimmer als mein geistiges eigentum auszugeben. Das war edel und konsequent gesprochen. Mancher tischler, der vielleicht sein zimmer mit einer Walter Crane'schen tapete versehen hatte, und doch die darin befindlichen möbel sich zuschreiben wollte, weil er sie erfunden und ausgeführt hatte, schämte sich in den tiefsten grund seiner schwarzen seele hinein, als er diese worte erfuhr.
Kehren wir nach dieser abschweifung zu unserem reichen manne zurück. Ich habe ja schon gesagt, wie glücklich er war. Einen großen teil seiner zeit widmete er von nun an dem studium seiner wohnung. Denn das muß gelernt sein; das sah er wohl bald. Da gab es gar viel zu merken. Jedes gerät hatte einen bestimmten platz. Der architekt hatte es gut mit ihm gemeint. An alles hatte er schon vorher gedacht. Für das kleinste schächtelchen gab es einen bestimmten platz, der gerade dafür gemacht war.
Bequem war die wohnung, aber den kopf strengte sie sehr an. Der architekt überwachte daher in den ersten wochen das wohnen, damit sich kein fehler einschleiche. Der reiche mann gab sich alle mühe. Aber es geschah doch, daß er ein buch aus der hand legte, und es im gedanken in jenes fach schob, das für die zeitungen angefertigt war. Oder daß er die asche seiner zigarre in jene vertiefung des tisches abstrich, die für den leuchter bestimmt war. Hatte man einmal einen gegenstand in die hand genommen, so war des ratens und des suchens nach dem alten platz kein ende und manchmal mußte der architekt die detailzeichnungen aufrollen, um den platz für eine zündholzschachtel wieder zu entdecken.
Wo die angewandte kunst solche triumphe feierte, durfte die angewandte musik nicht zurückbleiben. Diese idee beschäftigte den reichen mann sehr. Er machte eine eingabe an die tramwaygesellschaft, in der er ersuchte, sich statt des sinnlosen läutens des Parsivalglockenmotives zu bedienen. Allein er fand bei der gesellschaft kein entgegenkommen. Dort war man für moderne ideen noch nicht genug empfänglich. Dafür wurde ihm gestattet, die pflasterung vor seinem hause auf eigene kosten ausführen zu lassen, wodurch jedes fuhrwerk gezwungen wurde, im rhythmus des Radetzkymarsches vorbei zu rollen. Auch die elektrischen läutenwerke in seinen räumen erhielten Wagner- und Beethovenmotive und alle berufenen kunstkritiker waren voll des lobes über den mann, der der "kunst im gebrauchsgegenstande" ein neues gebiet eröffnet hatte.
Man kann sich vorstellen, daß alle diese verbesserungen den mann noch glücklicher machten.
Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß er es vorzog, möglichst wenig zu hause zu sein. Nun ja, von so viel kunst will man sich hie und da ausruhen. Oder könnten sie in einer bildgalerie wohnen? Oder monate lang in "Tristan und Isolde" sitzen? Nun also! Wer wollte es ihm verdenken, wenn er neue kräfte im café, im restaurant oder bei freunden und bekannten für seine wohnung sammelte. Er hatte sich das anders gedacht. Aber der kunst müssen opfer gebracht werden. Er hatte doch schon so viele gebracht. Sein auge wurde feucht. Er dachte vieler alter dinge, die er so lieb gehabt hatte und die er doch manchmal vermißte. Der große lehnstuhl! Sein vater hatte immer sein nachmittagsschläfchen darin gemacht. Die alte uhr! Und die bilder! Aber die kunst verlangt es! Nur nicht weich werden!
Einmal geschah es, daß er seinen geburtstag feierte. Frau und kinder hatten ihn reich beschenkt. Die sachen gefielen ihm ausnehmend und bereiteten ihm herzliche freude. Bald darauf kam der architekt, um nach dem rechten zu sehen und entscheidungen in schwierigen fragen zu treffen. Er trat in das zimmer. Der hausherr kam ihm freudig entgegen, denn er hatte vieles auf dem herzen. Aber der architekt sah nicht die freude des hausherrn. Er hatte etwas ganz anderes entdeckt und erbleichte: "Was haben sie denn für hausschuhe an", stieß er mühsam hervor.
Der hausherr besah seine bestickten schuhe. Aber er atmete erleichtert auf. Diesmal fühlte er sich ganz unschuldig. Die schuhe waren nämlich auch nach dem originalentwurfe des architekten gearbeitet worden. Er antwortete daher überlegen:
"Aber hr. architekt! Haben sie schon vergessen? Die schuhe haben sie ja selbst gezeichet!"
"Gewiß", donnerte der architekt, "aber für das schlafzimmer. Sie aber zerreißen mit diesen zwei unmöglichen farbflecken die ganze stimmung. Sehen sie denn das gar nicht ein?"
Der hausherr sah das wohl ein. Er zog rasch die schuhe aus, und war todfroh, daß der architekt nicht noch seine strümpfe unmöglich fand. Sie gingen nach dem schlafzimmer, wo der reiche mann wieder seine schuhe anziehen durfte.
"Ich habe", begann er hier zaghaft, "gestern meinen geburtstag gefeiert. Meine lieben haben mich mit geschenken förmlich überschüttet. Ich habe sie rufen lassen, lieber hr. architekt, damit sie uns ratschläge geben, wie wir die sachen am besten aufstellen könnten."
Das gesicht des architekten verlängerte sich zusehends. Dann brach er los:
"Wie kommen sie dazu, sich etwas schenken zu lassen! Habe ich ihnen nicht alles gezeichnet? Habe ich nicht auf alles rücksicht genommen? Sie brauchen nichts mehr. Sie sind komplett!"
"Aber", erlaubte sich der hausherr zu erwidern, "ich werde mir doch noch etwas kaufen dürfen!" "Nein, das dürfen sie nicht! Nie und niemals! Das fehlte mir noch. Sachen, die nicht von mir gezeichnet sind? Habe ich nicht genug getan, daß ich den Charpentier gestattete? Die statue, die mir den ganzen ruhm meiner arbeit raubte! Nein, sie dürfen nichts mehr kaufen!"
"Aber wenn mir mein enkerl eine kindergartenarbeit schenkt?"
"Dann dürfen sie sie nicht nehmen!"
Der hausherr war vernichtet. Aber noch hatte er nicht verloren. Eine idee, jawohl, eine idee!
"Und wenn ich mir in der sezession ein bild kaufen wollte?" fragte er triumphierend.
"Dann versuchen sie, es doch irgendwo aufzuhängen. Sehen sie denn nicht, daß für nichts mehr platz ist? Sehen sie denn nicht, daß ich für jedes bild, das ich ihnen hergehängt habe, auch einen rahmen auf der wand, auf der mauer dazu komponiert habe? Nicht einmal rücken können sie mit einem bilde. Probieren sie doch, ein neues bild unterzubringen."
Da vollzog sich in dem reichen manne eine wandlung. Der glückliche fühlte sich plötzlich tief, tief unglücklich. Er sah sein zukünftiges leben. Niemand durfte ihm freude bereiten. Wunschlos mußte er an den verkaufsläden dieser stadt vorübergehen. Für ihn wurde nichts mehr erzeugt. Keiner seiner lieben durfte ihm sein bild schenken, für ihn gab es keine maler mehr, keine künstler, keine handwerker. Er war ausgeschaltet aus dem künftigen leben und streben, werden und wünschen. Er fühlte: Jetzt heißt es lernen, mit seinem eigenen leichnam herumzugehen. Jawohl! Er ist fertig! Er ist komplett!
Adolf Loos: Von einem armen, reichen Manne
"Neues Wiener Tagblatt", 26. April 1900
Daniel Dratz Dratz & Dratz Architekten,Oberhausen
Fugen des Persönlichen
Der Text "Von einem armen, reichen Manne" beschreibt vielleicht einen Idealzustand eines Auftrages durch einen solventen und kultivierten Bauherrn. Das Vertrauen des "armen, reichen Mannes", welches in die Hände des Architekten gelegt wird, ist, wie sich zeigt, zum Scheitern verurteilt. Das Diktat, die Kunst über das Leben zu stellen, kann nicht funktionieren. Die Vermessenheit des Architekten, bewohnte, belebte Masse als geschlossenes "Kunstwerk" zu verstehen, löst Unbehagen aus. Architektur kann und darf nicht als abgeschlossenes Konzept verstanden werden. In ihrer baulich-tragend notwendigen strukturellen Ausbildung, ja. In der Oberflächenbeschaffenheit und der Materialkomposition, ja. In ihrer persönlichen und individuellen Bespielung jedoch nicht. Denn sie bildet Identität, Behaglichkeit, Erinnerung und Halt. Festigt, schützt und bestätigt das Individuum. Daher stellen die Fugen des Persönlichen das Fundament und die Identität eines jeden Wohnraums dar.
Überträgt man die von A. Loos dargestellte Situation auf zeitgenössische Phänomene unserer Architekturlandschaft, würde man sich bei einigen Bauaufgaben sicher mehr "Kunsthandwerk" unter den unzähligen industriell gefertigten Massenprodukten wünschen. Es scheint, als habe sich die Situation verkehrt. Man könnte also behaupten, dass es heute ebenso schwierig ist, eine notwendige atmosphärische Dichte oder Stimmung im (Wohn-)Raum zu erzeugen. Schnell wird diese eingedämpft und eingedämmt durch eine Vielzahl lebloser und stumpfer Materialien. Das Wesen des Architektonischen scheint sich bei manchen Bauaufgaben zu verflüchtigen.
Daher spielen Wechselbeziehungen und Dialoge für das Entwickeln eines (Wohn-)Bauwerkes eine elementare Rolle. Der intensive Dialog ist unverzichtbar, um ein Gefühl zu entwickeln für die individuellen Bedürfnisse und Lebensvorstellungen des Nutzers. Denn früher oder später ist das Gefühl des "Zuhause-Seins" das Dokument einer richtigen Wechselbeziehung zwischen Bauherr und Architekt. Das räumliche Gerüst muss stimmig sein und kann nur durch den Architekten entwickelt werden. Die Fugen des Persönlichen müssen jedoch "offen" bleiben und können ausschließlich von den Bewohnern "gefüllt" werden. Vielleicht vergleichbar mit dem zähen Nektar des Honigs, der die Wabenstruktur erst mit "Leben" füllt und so seine Bestimmung erfährt.
Herwig Spiegl AllesWirdGut Architektur, Wien
Zwischen fremdgesteuerten Einrichtungskonzepten verkommt der Bewohner zum Gast seiner selbst –
er wird zur Staffage zwischen Illy-Kaffee und iMac. Der Dialog
mit dem Auftraggeber spielt in unserer Arbeit eine zentrale Rolle. Viele Projekte scheitern daran, dass die Architekten sich als völlig autonome Künstler begreifen. In unserer Architektur gibt es keine Lifestyle-Doktrin mit "So muss man wohnen". Ein Auftraggeber weiß oft viel besser, was gut für ihn ist –
und dafür sollten wir offene Ohren haben.Veränderliche Lebensumstände und individuelle Bedürfnisse der Menschen verlangen individuelle Lösungen. Wohnraum von heute muss vor allem flexibel und nachhaltig sein. Er muss in der Lage sein, Platz für Nachwuchs zu schaffen, ebenso wie aufkommende Altersschwächen zu überwinden.
Wohnraum von heute ist lebendig – er ist Teil seiner Bewohner.
Prof. Paul Kahlfeld Kahlfeldt Architekten, Berlin
Von der Angst der Planer
Natürlich schmunzelt der Leser über den schönen Text von Adolf Loos und erinnert sich an die Häuser van de Veldes, die Histörchen von den Besuchen Mies van der Rohes bei den Tugendhats in Brünn und den nicht weniger amüsanten Geschichten vom Verhältnis Frank Lloyd Wrights oder Corbusiers zu ihren Auftraggebern.
Leider ist der Artikel aber keine humoris-tische Anekdote, sondern eine präzise und bis heute gültige Beschreibung des gestalterischen Selbstverständnisses unseres Berufsstandes. Wer kennt nicht die Powerpoint-Präsentationen der Kollegen, die im Rahmen von Werkberichten ihre neuen Projekte kurz vor der "Inbetriebnahme" vorstellen, um dann zum spöttischen Gelächter der Anwesenden die so mühevoll abstrakt in reinem Weiß mit Sichtbeton und ohne Scheuerleis-te detaillierten Räume mit der Möblierung der Mieter zu zeigen. Oder wir treffen die in vornehmem Schwarz gekleideten Kollegen in einer Avantgarde-Galerie bei der Eröffnung einer Fotoausstellung, bei der "öde" Vorstadtorte mit banalen Eingängen, Kunststofffenstern und simplen Steildächern errichteten Einfamilienhäusern auf großformatigen Abzügen präsentiert werden.
Seit nunmehr 100 Jahren beanspruchen die Architekten eine besserwisserische, absolute Geschmackshoheit als Sachwalter einer "Moderne", die durch propagandis-tische Bauveranstaltungen und doktrinäre, jedoch grafisch ansprechende Manifeste die Menschheit mittels gestalterischen Entzugs zu einem besseren Wesen umzuerziehen gedachte. Die Heilsversprechen einer anfangs durchaus nachvollziehbaren Abstraktion sind mittlerweile in einfachsten Banalitäten ver-klungen und eine Sehnsucht nach Architektur breitet sich aus. Unter den Planern geht die Angst um. Ein Verlangen nach Baukunst stellt den so gerne zelebrierten Habitus eines Künstlers infrage und würde die mittlerweile fehlende Kompetenz entlarven. Mit Begriffen wie "retro" oder "traditionell" sollen architektonische Fragestellungen in ein scheinbar negatives Umfeld verbannt werden. Erstaunlicherweise genießt diese Strategie die tatkräftige Unterstützung der Feuilletons und bunten Fachblätter. Dennoch werden hoffentlich bald wieder mehr gebildete Bauherren in Gebäude einziehen können, deren Räume die baukünstlerischen Fragen nach dem Sinn beantworten können. Adolf Loos war einer der wenigen, die das im 20. Jahrhundert konnten. Von ihm kann man viel lernen.
Ulrich Müller Galerist Architektur Galerie, Berlin
Stand der Dinge
Ich bin dafür, dass der Beruf des Architekten abgeschafft wird. Denn obwohl er eine ähnlich große und lange Tradition wie der der Ärzte, Banker und Rechtsanwälte hat, ist er – im Gegensatz zu diesen – heute nicht mehr relevant. Ohne Architekten gäbe es viel weniger Probleme: Bauherren müssten sich nicht mehr mit lästigen "künstlerischen" Ideen auseinandersetzen, gleichzeitig bliebe es den Architekten erspart, ständig gegen Windmühlen anzurennen. Für den zahlenmäßig im Prinzip zu vernachlässigenden Fall, dass die bereits millionenfach erprobten Fertigbauten nicht funktionieren, könnten qualifizierte Baufirmen Sonderlösungen entwickeln, die trotzdem sehr effektiv sind. Der volkswirtschaftlich nicht unerhebliche Aufwand für die Ausbildung von Architekten könnte sinnvoll für Dringenderes verwendet werden. Zum Beispiel werden viel mehr Bauingenieure benötigt, die sich auf der Baustelle auskennen; damit sind Architekten ohnehin überfordert. Künstlerisch ambitionierte Mitmenschen könnten ihre Kreativität bei Bedarf in Werbeagenturen oder entsprechenden TV-Mottoshows sinnvoll einsetzen. Nicht zuletzt bräuchten Handwerker nur noch auf von der Industrie entwickelte Standarddetails zurückzugreifen und könnten auf diese Weise viel zügiger ihr Werk vollenden.
Vermutlich gäbe es vereinzelt Einwände, dass die Welt ohne Architekten ärmer wäre. Aber die Mehrheit der Bevölkerung würde das mit Sicherheit nicht einmal bemerken. Denn die Zeiten sind vorbei, in denen eine wie auch immer geartete Minderheit das notwendige Vertrauen der Mehrheit besitzt, um zu bestimmen, was schön, sinnvoll, angemessen etc. ist. Die meisten Menschen verfügen heutzutage nachweislich über ausreichende Mittel und Kenntnisse, um sich – im Einklang mit den anerkannten gesellschaftlichen Zielvorstellungen – erfolgreich wie nie zuvor selbst zu verwirklichen. Das ist es, was ich höre, wenn ich das Ohr aus dem Elfenbeinturm nach außen richte.
Zwangsläufig wird die Luft für Architekten immer dünner und das Verhältnis zum Bauherrn immer schwieriger. Was Loos in seinem "Vom armen, reichen Manne" überspitzt formuliert hat, ist in eine vollkommen diametrale Richtung gelaufen. An die Stelle von totalen Vorstellungen ist der absolute Kontrollverlust getreten. Denn das meist zutreffende Sprichwort "Die Wahrheit liegt in der Mitte" funktioniert in Sachen Architektur nicht. Nur einer relativ geringen Anzahl von Architekten ist es heute noch möglich, individuelle, künstlerisch anspruchsvolle Lösungen für eine kleine Gruppe spezieller Bauherren zu entwickeln, die sich auf diese Weise von der Mehrheit unterscheiden möchten. Dieser kulturelle Klassenunterschied sorgt letztlich dafür, dass der Beruf des Architekten zumindest als Biotop überlebt. Alternativ müssten Architekten wieder mehr praktische Kompetenz entwickeln, um verlorenes Terrain zurückzuerobern. Diese Bemühungen würden flankierend konkrete staatliche Maßnahmen erfordern, die – wie in anderen Ländern erfolgreich praktiziert – Architektur als gleichwertiges Lebensziel neben Gesundheit, Arbeit und Wohlstand vermitteln. Entsprechende wirtschaftliche Anreize könnten nicht zuletzt systemimmanente Fragen wie Nachhaltigkeit etc. integrieren. Das alles sehe ich jedoch nicht.







