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Beziehungsrisiko Navigation? Mental Maps Wo muss ich denn hin?
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Beziehungsrisiko Navigation?

Mental Maps

Er: "Wo muss ich denn hin?" Sie: "Zu dem großen Gebäude neben der Kirche. Der Weg ist ganz einfach. Du fährst geradeaus bis zu dem netten Restaurant. Da biegst du rechts ab und am großen Baum gleich wieder links."

Er: "Wie heißt denn die Straße?" Sie: "Weiß ich nicht." Er kann darauf nur mit einem verständnislosen Blick reagieren. Fast jeder teilt diese Erfahrung – und oft genug führt dieses Dilemma zu Problemen. Schlimmstenfalls kann – oder will – eine Partei im Anschluss nicht am Treffpunkt erscheinen. Das Missverständnis liegt begründet in der subjektiven Wahrnehmung des Treffpunkts und des Wegs dorthin – abgespeichert in einer Mental Map, zu Deutsch kognitiven Karte.

Kognitive Karten beschreiben die subjektive Vorstellung einer räumlichen Situation, eines urbanen Gefüges, einer Landschaft oder einer Distanz bei einer Person oder Gruppe. Sie spiegeln die Welt so wider, wie ein Mensch glaubt, dass sie ist bzw. wie er sie empfindet. Auch die zeitliche Dimension spielt eine Rolle. Die individuelle Orientierung ist geprägt durch die Wechselbeziehung von Ort und Nutzer. Je häufiger sich jemand innerhalb bestimmter räumlicher Strukturen bewegt, desto detaillierter ist seine kognitive Karte. Gleichzeitig bestimmt die individuelle Karte die Bewegungsmuster innerhalb bekannter, aber auch unbekannter räumlicher Muster und prägt die Identifikation mit einem Ort.

Die subjektiven Karten sind naturgemäß keine korrekte Repräsentation der räumlichen Umwelt, sondern weisen Abweichungen und Verzerrungen gegenüber der Realität auf. In der Regel werden die realen Gegebenheiten in mehrfacher Hinsicht vereinfacht.

• Begradigung: "Krumme" Landschaftsmerkmale (Flüsse, Straßen) werden in der geistigen Vorstellung begradigt.
• Rechte Winkel: Knotenpunkte werden als rechtwinklig
wahrgenommen, auch wenn es sich um schiefwinklige
Kreuzungen handelt.
• Einordnung: Der Landschaft wird eine klare
Nord-Süd-Ost-West-Ausrichtung gegeben.
• Verzerrung: Bekannte Gegenden werden größer und
detaillierter abgebildet als weniger bekannte Gebiete.
• Ankerpunkte: Bestimmte Landschaftsmerkmale, Gebäude
oder Infrastrukturen dienen als Markierungspunkte bzw.
Grenzen und helfen bei der Orientierung.

Der Architekt und Stadtplaner Kevin Lynch begann in den 50er Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das Wahrnehmungsverhalten von Stadtbewohnern zu untersuchen, weil er Zusammenhänge zwischen der menschlichen Wahrnehmung und der Art und Qualität von Architektur vermutete. Inzwischen ist die Idee der Mental Maps bzw. sind Skizzen dieser geistigen Karten und vor allem ihre Untersuchung und Auswertung Bestandteil unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen, von der Stadtplanung über die Geografie bis zu Psychologie und Soziologie. Den raumbezogenen Disziplinen wie Architektur, Stadtplanung und Geografie helfen die Erkenntnisse bei der Gestaltung von attraktiven, angstfreien und unterstützenden Räumen.

In jüngerer Vergangenheit hat auch das Stadtmarketing dieses Instrument für sich entdeckt. Die Häufigkeit, mit der bestimmte orientierungs- und identitätsstiftende Gebäude in den Kartenskizzen einer Gruppe von Probanden auftauchen, sowie unterschiedliche Detaillierungsgrade in der Darstellung lassen Rückschlüsse auf die Bedeutung bestimmter Architekturen und Stadtteile zu. In der Zusammenschau lassen sich so das Image einer Stadt ermitteln und gegebenenfalls verstärkende oder gegensteuernde Maßnahmen konzipieren.

Übrigens hat der Vergleich von Mental Maps männlicher und weiblicher Probanden keinen signifikanten Unterschied ergeben. Wo aber geschlechtsabhängige Abweichungen auftreten, ist die Fähigkeit, sich mithilfe von realen Karten zu orientieren und zu navigieren. Männer können laut einer Studie der Universität von Warwick in Großbritannien besser mit genordeten Karten umgehen, wohingegen Frauen sich besser den Standort bestimmter Objekte merken können. Die Lösung für unsere oben vorgestellten Protagonisten liegt also auf der Hand: in Zukunft auf Kartenskizzen zurückgreifen.