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Fotografie und Architektur
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Fotografie und Architektur

Eine Symbiose der Schnittmenge und Bezüge

Wenn Architektur und Fotografie in einem Atemzug genannt werden, befindet man sich direkt in der Ambivalenz innerhalb der Möglichkeiten von umfassender und angemessener Darstellbarkeit von Architektur.

Zu welchem Zweck soll eine Architektur dargestellt werden? Um ein Bild des Baukörpers in der Umgebung zu vermitteln, der Fassadengestaltung, einer Materialität? Steht der Kontext im Vordergrund – oder das Bauwerk selbst? Sollen Eindrücke von Benutzbarkeit, Raumsituation und Lichtwirkung visualisiert werden oder soll, einem Rendering gleich, die Architektur im optimalen repräsentativen Licht, als Kleinod des schaffenden Architekten inszeniert werden? Man kann sich unermüdlich über die Differenzierung der Darstellung von architektonischen Ergüssen Gedanken machen – die Subjektivität wird stets siegen und damit die ganze Gedankenangelegenheit zu einem Never-Ending machen.

Divergenz der Ganzheitlichkeit

Der Fotografiewettbewerb KO(R)RELATION, den BerührungsPUNKTE im vergangenen Jahr auslobte, warf einige dieser zuvor gestellten Fragen auf. Und man hatte sich bewusst für die Teilnahme von Studierenden der Fotografie entschieden. Der Blick aus dem nicht architektonisch geschulten Auge auf architektonische Motive sollte den Betrachtern den Weg in ein anderes Sehen ebnen. Die Verliebtheit in gewohnte Szenerien, deren Entstehungsprozess (Entwurf, Planung, Ausführung) allgegenwärtig mitschwingt, sollte auf den Prüfstand gestellt werden – oder zumindest für eine Weile eingefroren werden. Die Neuinszenierung der architektonischen Räume durch Montagen, multiple Durchblicke und vor allem den Menschen, der schließlich dem Gebäude Lebendigkeit einhaucht, sollte dem Architekturschaffenden einen Mehrwert bieten, den er sich häufig nicht selbst bieten kann.

Die Wettbewerbsarbeiten verfolgten größtenteils konnotative – also mit zusätzlichen Begriffsinhalten bestückte – Ansätze, wie es die Aufgabenstellung vorgab. Wenn man nun die Arbeiten betrachtet, wird schnell klar, dass eine Beurteilung mit architektonischen Maßstäben hier nicht angemessen und auch nicht gewünscht ist.

Gemeinsamkeiten der Betrachtung

Die Beurteilung einer Fotografie ist nicht minder umfassend als die einer Architektur. Spielen bei der ersten Begegnung mit einer Fotografie auch die Beschaffenheit des Papiers, das Format, die Oberfläche und die Maßstäblichkeit eine Rolle, so ergibt sich der Konstruktionsgedanke eines Bildes "aus der Spannbreite, die sich zwischen dem Glauben an ein Abbild der Wirklichkeit und den gänzlich konstruierten Bildwelten abspielt". So formulierte es Elke Seeger in ihrem Vortrag anlässlich der Preisverleihung KO(R)RELATION im November letzten Jahres im stadtbauraum Gelsenkirchen. Elke Seeger ist Professorin für Fotografie an der Folkwang Universität der Künste in Essen und betreute ihre Studierenden während des Wettbewerbs.
Elke Seeger meint außerdem: "Es gibt Bilder, die uns auf Anhieb verblüffen. Wir staunen und dieses Staunen ist ein Vergnügen. Wie sich aber später zeigt, oft auch ein flüchtiges Vergnügen, denn die Erinnerung vergeht mit der Zeit. Im Gegensatz dazu verhält sich die Imagination gänzlich anders: Imagination bleibt haften. Imagination lässt uns nicht mehr los. Was sie uns eröffnet hat, prägt uns nachhaltig und beeinflusst unser Verhältnis zur eigenen Existenz. Imagination kann sich in einem Bild manifestieren, aber auch als kleines, unbemerktes Detail eines Bildes sein Ganzes bestimmen." Nun drängt sich die Frage auf, was es denn mit der Imagination von Architektur auf sich hat. Bleiben wir in der Ursprungsbedeutung von imaginatio, entsprechen sich Architektur, Einbildung und Vorstellungskraft ganz gut. Perspektivische Wirkungen und die reine Vorstellung von der Höhe, Tiefe, Kubatur eines Gebäudes lassen ein Bild von etwas entstehen, das 1:1 dort so steht und dennoch ohne Vorstellungskraft, ohne die Erinnerung an die nicht sichtbare Rückseite nicht annähernd umfassend werden könnte.

Die Magie des Dialogs

Fotografien, die sich nicht nur der reinen Wiedergabe eines Bildes, mit gerade gezogenen Kanten und bestenfalls blauem Himmel, verschrieben haben, verfügen über das Potenzial, eine denotative und gleichsam konnotative Darstellung zu geben, welche dem Betrachter just Emotion, Interpretation, Kritik, Ausdruck und Assoziationen mitliefern, den magischen Dialog der Imagination ermöglichen und uns, frei nach Elke Seeger, damit nachhaltig prägen und unser Verhältnis zur eigenen Existenz beeinflussen.

Für Ingo Taubhorn, Kurator des Hauses der Photographie, Deichtorhallen Hamburg und Juror des KO(R)RELATION-Wettbewerbs, steht im Vordergrund, das Bild auf sich wirken zu lassen, zu erfassen, welche Fragen sich einem stellen, welche Message transportiert wird. Als Kurator ist er auf eine eigene starke Intuition angewiesen, welche ständig in Beziehung zu eigenen Assoziationen und interdisziplinären Verknüpfungen gestellt wird. Ist der Verstand weitgehend ausgeschaltet, entscheidet das Gefühl, ob eine Fotografie gut ist oder nicht.
Architekten sind aufgrund ihrer Ausbildung anders aufgestellt. Das gesamtheitliche Analysieren, die dreidimensionale Vorstellungskraft bei der Betrachtung eines Bildes, eines Plans oder eines Modells bedarf eines hochsensiblen und aufmerksamen Verstandes – Architektur ist ebenso wenig wie die Fotografie nur Kunst, sondern ein Konglomerat aus Form, Raum, Konstruktion und Funktion. Im Vordergrund bei einer Fotografie steht gerade heute nicht nur das Abbilden eines Motivs, sondern die Erfahrung der Dinge, die als sinnlich-sinnhafte Erscheinungen mittels der Kamera festgehalten werden.

Sehen lernen

Ré Soupault* sagte einmal: "Ich habe bei Johannes Itten ‚Sehen' gelernt. Was ich damit meine, ist nicht, dass ich da eine neue Methode des Sehens vermittelt bekam von Itten, sondern eine totale geistige Enthemmung, die zur Folge hatte, dass man alle Dinge neu sah."
Alle Dinge neu zu sehen ist sicher ein Wunsch, welcher einhergeht mit dem Anspruch an Ganzheitlichkeit und Komplexität bezüglich der Schaffung von Architektur.

Während in einem der folgenden Kapitel (Von einem armen, reichen Manne, S. 22) einem der schwierigsten Bereiche der Architektur, nämlich dem Verhältnis Architekt–Bauherr, Raum gegeben wird, so wandelt man hier doch im Schein von Philosophie, Kunst und Theorie auf sicherem Terrain. Soupault meint an anderer Stelle, dass sie eine totale Veränderung ihrer Einstellung zum Objekt, das sie fotografiert hat, erfahren hat.

Und mit einer heutzutage nur noch selten anzutreffenden Leichtigkeit wünschte man sich doch diese geistige Enthemmung, diese Veränderung der eigenen Einstellung zu dem einen oder anderen Objekt und diesen Augenblick einer magischen Sekunde im Dunstkreis der Architekturschaffung.

So sehr Fotografie und Architektur nun also divergieren – so groß ist ihr Potenzial sich gegenseitig zu bereichern.

* Die Bauhaus-Schülerin Ré Soupault (1901-1996) entwickelte in den 20er Jahren im Spannungsfeld zwischen dem "Neuen Sehen" am Bauhaus, Dadaismus, Konstruktivismus, Surrealismus und Avantgardefilm ihren eigenen fotografischen Stil. "Ihre ästhetische Strenge führt zu dokumentarischer Schärfe" aus: Ré Soupault – Die Fotografin der magischen Sekunde, Wunderhorn-Verlag 2007.