Mehr Fotografie geht nicht
Interview mit Ingo Taubhorn
Ein Interview zum Thema Wechselbeziehung – dabei ist ein Gespräch ja auch immer eine Wechselbeziehung. Ingo Taubhorn ließ BerührungsPUNKTE zwei Stunden lang warten – glücklicherweise in angenehmer Gesellschaft: inmitten zahlreicher Traummänner. Es gibt Schlimmeres! Als ich nach zweieinhalb Stunden des Wartens endlich von ihm gehetzt, aber herzlich begrüßt werde, tritt genau der Fall ein, den man als "Worst Case" bezeichnen könnte: Taubhorn muss in zwanzig Minuten im Zug nach Berlin sitzen. Doch so leicht gebe ich nicht auf. Ich begleite ihn spontan nach Berlin. Zwei Stunden Zeitkapsel zu zweit – Wechselbeziehung intensiv.
Gedanklich bleiben wir noch in Hamburg, bleiben wir beim Beispiel der Ausstellung "Traummänner". Für die Fortsetzung der vor 3 Jahren ausgestellten "Traumfrauen" wurden wieder 50 aus Werbung und Mode überaus bekannte Fotografen gebeten, frei von Zwängen der Auftraggeber das für sie perfekte Bild auszuwählen. Das Bild, das ihrer Ansicht nach am besten den Idealmann darstellt. 35.000 Besucher strömten bis jetzt zu den Traummännern in diese einzigartigen Hallen. Sie bieten der Fotografie einen Raum, der durch die kubisch-massiven Stellwände in seiner Bespielbarkeit maximal flexibel ist. Beim Betrachten der Ausstellung wird klar: Der Mann des 21. Jahrhunderts ist elegant, persönlich, poetisch, sexy, ironisch und vieles mehr. Die Bezeichnung metrosexuell taucht immer wieder auf und es lohnt sich, die Oberflächlichkeit des Ausstellungstitels zu durchbrechen und sich einzulassen auf diese neuen Definitionsversuche und Sichtweisen.
Aber zurück zum Interview. Wir sprechen über die Wechselbeziehung zwischen Ausstellung und Besucher.
Ingo Taubhorn: Diese Fotoausstellung, die ein populäres, aber durchaus interessantes Thema in unserer Gesellschaft behandelt, spielt sich weniger auf einer Metaebene als auf der Bildebene ab, d. h. das, was ich sehe, kann ich sofort beurteilen und muss nicht ein Extrawissen mitbringen, um es richtig einzuschätzen. Deswegen tritt hier die intellektuelle Vermittlungsarbeit zugunsten eines gefühlsmäßigen Erlebnisses stärker in den Hintergrund. Das geht natürlich nicht mit jeder Ausstellung so, insbesondere dann nicht, wenn künstlerische Herangehensweisen, Bezüge zur Kunst- und Fotogeschichte oder soziokulturelle Aspekte eine wesentliche Rolle bei der Betrachtung der Bilder spielen. Dann ist Vermittlungsarbeit gefragt und wird auch von uns im Sinne des Bildungsauftrags ernst genommen. Dennoch verbauen wir uns als Betrachter oft selbst den unmittelbaren Zugang zur künstlerischen Fotografie, indem wir an das Bild herantreten und fragen, was uns der Künstler damit sagen wolle, anstatt zu beschreiben, was wir sehen. Was passiert, wenn ich versuche, die Versatzstücke der Bildbetrachtung zusammenzufügen und sie mit meinen eigenen Erfahrungen kombiniere. Wie gesagt, museale Einrichtungen haben einen Bildungsauftrag. Aber in Hinblick auf die angeschlagene Finanzsituation kultureller Einrichtungen sollte eine Institution wie die unsere nicht nur "quälen", sondern auch ein vernünftiges Maß an Eventkultur beisteuern. Damit habe ich keine Berührungsängste. Aber der Wert von Kultur sollte nicht nach der Quote bemessen werden.
Welchen Stellenwert hat die räumliche Inszenierung schließlich bei einer Ausstellung?
Als Kurator verstehe ich mich nicht nur als Vermittler zwischen Künstler und Betrachter, sondern auch als Architekt der Kunst. Für mich ist es wichtig, die Bilder so auf die Wandfläche zu bekommen, dass sie wie eine Bildfläche gestaltet wird, wie eine gestaltete Sei-
te – als ein Erlebnis für den Betrachter. Würde man die Exponate ausschließlich kunsthistorisch oder chronologisch betrachten, könnte sich eine Gleichgültigkeit einstellen, die den Betrachter nur noch an den Bildern entlangspazieren lässt. Daher zählt jeder Abstand, zählen die Formate, die Gruppierungen. Jeder Zentimeter hier im Hause, der des Rahmens, des Abstandes, der Durchblicke und der Blickachsen im Raum – nichts ist willkürlich, alles ist bewusst so ausgerichtet! Wie wird der Prolog gestaltet, wie geht man mit Verschachtelungen um? Wir erzeuge ich Spannung, Harmonie oder Verwunderung? Wie bewegt man sich in diesen verschiedenen Räumen? All diesen Fragen wird penibelst nachgegangen und es wird an ihrer Beantwortung gearbeitet, bis alles perfekt ist. Ach ja, und: So wenig sprachliche Informationen an den Wänden wie möglich, damit der Besucher zunächst sein eigenes Urteil bilden kann, ohne eine Leserichtung vorgeschrieben zu bekommen. Wenn er später zum Leser werden will, gibt es Flyer, Broschüren oder Kataloge, wo die Bilder kontextualisiert werden.
Wie beurteilt man eine Fotografie? Muss, darf sie inszeniert sein?
Wie ist der Stellenwert von Schnappschüssen?
Man beurteilt eine Fotografie als BILD. Dafür müsste man natürlich klären, ob nicht jedes Bild, das wir machen – egal ob von einem Raum, von Personen oder Gegenständen, inszeniert ist. Und ob nicht auch das Auf-die-Straße-Gehen und dokumentarische Ablichten, was einem vor die Linse kommt, immer ein Konstrukt der Wirklichkeit ist. In meinen Augen ist die Frage, ob inszeniert wurde oder spontan – ohne Eingreifen – ein Augenblick festgehalten wurde, obsolet. Es geht um das Ergebnis.
Gute Fotografen haben einen Blick entwickelt, Dinge so miteinander in Beziehung zu bringen, die sich normalerweise mit unserem bloßen Auge nie wirklich so in einem Moment verdichten würden. Eben das ist ja das Besondere an der Fotografie, dass der Moment so verdichtet wird, dass wir eine Neubetrachtung erleben. Und insofern ist der sogenannte "Schnappschuss" die Königsdisziplin in der Fotografie: Standbilder aus der Wirklichkeit herauszulösen. Mehr Fotografie geht nicht!
Was ist das Besondere an der Porträtfotografie?
Bei der Porträtfotografie muss durch Nähe zu den Modellen eine Vertrautheit aufgebaut werden, um intensive Bilder zu machen. Zurück zu "Traummänner". Eine der eingeladenen Fotografinnen ist Margarita Broich. Sie selbst ist Schauspielerin und fotografiert Kollegen unmittelbar nach der Aufführung, in einer Situation, in der der Schauspieler noch in seiner Rolle ist, aber gerade in sein Ich zurückkehrt. In diesem Augenblick, auf dieser schmalen Zeitlinie, fotografiert sie die Person. So etwas ist nur möglich, wenn ein uneingeschränktes Vertrauensverhältnis da ist! Das ist die hohe Kunst und die Grundvoraussetzung für gute Porträtfotografie.
Sie kamen in den 1980ern über das Filmstudium zur Fotografie. Welche Rolle spielt der Film heute in Ihrem Schaffen?
Zunächst einmal: Ein Grund, warum man vom Film zur Fotografie kommt, ist, dass man mit der Fotografie schneller und günstiger Projekte realisieren kann. Allerdings ist der Prozess hin zum Film viel intensiver. Für die Fotografie gibt man die Arbeit im Team auf – nicht umsonst wird man als Fotograf als Einzelkämpfer bezeichnet.
Anfang 2000 habe ich mich nach meinen Werkgruppen "VaterMutter-Ich" und "Die Kleider meiner Mutter" intensiv mit dem Medium Film innerhalb des Ausstellungskontextes beschäftigt. Da meine Projekte immer stark an der sozialen Wirklichkeit orientiert sind, wurden es dann eher Dokumentationen, zusammengeschnittene Szenen über den Umgang mit der Wirklichkeit.
Mein Filmstudium und meine Affinität zum Theater spielen auch heute noch eine große Rolle bei meiner Tätigkeit als Kurator und Künstler. Entscheidungen bei der Bild- und Themenauswahl zu treffen fällt mir leicht, weil ich die Zusammenhänge kenne und die Wechselbeziehungen wahrnehme. Das ist aber eigentlich in jedem kreativen Beruf so: Das gilt für den Künstler, der vom Theater inspiriert wird, der das Gesehene oder Empfundene automatisch und direkt umsetzt in seine eigene Arbeit. In meiner Vermittlungsarbeit mache ich zum Beispiel mit jungen Hamburger Autoren vom "Machtclub" regelmäßig eine Aktion im Haus der Photographie: Die Autoren schreiben Texte zu ausgewählten Bildern, die sie als Initialzündung verwenden. Die Texte verweisen vielleicht nur am Anfang auf das Bild, bilden dann aber autark eine eigene Geschichte.
In einer Führung der anderen Art lesen dann die Autoren am Bild ihre Texte. Der Betrachter bekommt dann ebenfalls eine andere Ebene, um in das Bild einzusteigen. Da sind sie wieder, die Wechselbeziehungen – sehr deutlich mal im praktischen Bereich! (Er freut sich. Ich mich auch! Super Thema!)
Welchen Film würden Sie gerne drehen, hätten Sie gern gedreht? Würden Sie überhaupt noch einen drehen wollen?
2000 habe ich einen 15-minütigen Film über das Backen eines Kuchens gedreht. Das war am Tag vor der Beerdigung meines Onkels. Meine Mutter, meine Tante und zwei weitere verwandte Frauen aus derselben Generation – und ich natürlich – haben sich in der Küche meiner Tante eingefunden, um einen Kuchen zu backen. Ich habe sofort geahnt: Das geht schief. Sie alle sind starke Persönlichkeiten und wenn es dann um einen schnöden Apfelkuchen geht, nach einem eigentlich unspektakulären Rezept, wird's schon beim Schneiden der Äpfel kompliziert. Sie machen sich gegenseitig darauf aufmerksam, wie diese Dinger geschnitten werden müssen, und daraus entsteht eine Menge Streitpotenzial. Ich arbeitete mit einer entfesselten Kamera, nahm von verschiedenen Positionen aus auf und baute am Schneidetisch die Geschichte des Backens daraus.
Während der Vorbereitungen für den Kuchen rief der Pfarrer an, um von meiner Tante für seine Trauerrede etwas Nettes über meinen Onkel zu erfahren. Mein Onkel war für mich ein unerträglich herrischer Mensch gewesen und zitierte mit Vorliebe Bauernweisheiten wie "Es gibt niemals eine zweite Chance für den ersten Eindruck". Schrecklich! Sie nahm dann dieses kleine Sprüchebüchlein, aus dem mein Onkel gern zitiert hatte und fing an am Telefon daraus vorzu-lesen. Das war eine sehr skurrile, aber auch traurige Situation: meine Tante, die völlig zusammenhanglos langsam daraus vorlas, damit der Pfarrer am anderen Ende des Telefons mitschreiben konnte, um etwas Persönliches in seiner Predigt zum Verstorbenen sagen zu können. Dieser kleine Film wurde am Ende nicht nur ein Film über das Backen, sondern auch ein Film über Tod und Verlust.
Ob ich noch einen Film drehen wollte? Wann sollte ich das alles machen? Ich weiß es nicht.
Nun sind wir in Berlin angekommen und mein Zug zurück ins Ruhrgebiet wartet schon. Und ich persönlich habe gelernt: Diese Momentverdichtung gibt es nicht nur in der Fotografie, die gibt's auch im Gespräch mit Ingo Taubhorn. Inhaltliche Lichtgeschwindigkeit, unterbrochen nur durch die Lautsprecherdurchsagen im ICE, verdichtete Wechselbeziehungen des Augenblicks … Und da nun "metrosexuell" auch zu meinem Wortschatz gehört, verzeihe ich die lange Wartezeit in den Deichtorhallen. Der Clooney wird übrigens überbewertet! Da gibt's ganz andere.
Das Interview führte Ann-Kristin Masjoshusmann im März 2011 mit Ingo Taubhorn im ICE auf dem Weg von Hamburg nach Berlin.







