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Der Griff in der Architektur Ballenstütze, Greifvolumen technische Zeichnung neues Greifen
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Wechselbeziehung zwischen Blick und Tat

Der Griff in der Architektur

Gebäude erschließen sich dem Nutzer in der Regel zuerst über die visuelle Wahrnehmung. Dann folgt der sprichwörtlich erste "Berührungspunkt" zwischen Hand und Haus – in den allermeisten Fällen über Griffe und Türdrücker.

Gestaltungsauffassung: Reduktion
Dass FSB den berühmten Griff des Philosophen und Architekten Ludwig Wittgenstein zu seinem Markenzeichen wählte, lag nicht nur an der damals bahnbrechenden formalen Gestaltung. Ludwig Wittgenstein hatte in technisch-funktionaler sowie formaler Hinsicht für derartige Funktionsteile einen unabhängigen und im Grunde viel radikaleren Parallelentwurf zu der Gestaltungsauffassung des Bauhauses formuliert, ohne jemals selbst am Bauhaus studiert oder gelehrt zu haben. Ihm ging es um mehr als die nur formale Reduktion oder die Abkehr von tradierter Ornamentik. Ihn beseelten vielmehr die Idee einer absoluten Schlichtheit und der Verzicht auf jeglichen individuellen Gestaltungswillen oder gar "angewandte Kunst" – seine Griffe sollten nicht mehr tun, als nur ihre Funktion verrichten, nämlich Türen und Fenster entsperren und in größtmöglichem Maße in den Hintergrund treten. Wittgenstein definierte jene Griffe, die man schon früher an einfachen Türen wie Gartentoren oder Werkstatttüren verwendet hatte, als "Begriff" überhaupt, also als Ding, das man zum Bedienen anfasst.

Verknüpfung von Funktion und Bedeutung
Was Design heute zu leisten vermag, wird im Produkt- und Kommunikationsdesign sichtbar. Produktdesign bringt heute stärker denn je als Teildisziplin die Realisierung einer mittelbaren Kommunikationsaufgabe mit sich. Voraussetzung hierfür ist die gewollte Emotionalisierung im Produkt- und Markenkontext. Design transportiert von Seiten des Senders u. a. Markenattribute oder gar ganze Markenidentitäten. So gelingt die Emotionalisierung beim Rezipienten, der wiederum über das Produkt einen Bezug zu seinen Mitmenschen herstellt – mit sozialer Ausweisfunktion, als Statussymbol, als Ausdruck von Haltung etc. Eine Aufladung, die für Wittgenstein undenkbar wäre. Mario Botta beispielsweise wählte für seinen Entwurf FSB 1104 als emotionalen Moment den Abschied. Einen Raum zu verlassen sei eine Form des Abschieds, so Botta sinngemäß, sodass die Türklinke als Schnittstelle zum Menschen haptisch entsprechend wirken müsse. Der Abschied solle taktil spürbar sein und dürfe durchaus von einer gewissen Schmerzempfindung begleitet sein.

Die klassische Gestaltungsaufgabe
In den meisten Fällen werden Menschen daher erst dann auf die Bedeutung von ergonomischer Gestaltung aufmerksam, wenn sie einer störenden Dysfunktionalität begegnen. Bereits in den 1950er Jahren hat der Wuppertaler Architekt Heinz Rasch grundlegende Überlegungen zur optimalen Gestaltung von Türdrückern angestellt. Er ging von den Funktionen "Herunterdrücken", "Aufziehen" und "Zudrücken" aus. Um Widerstände mühelos zu überwinden, müssen die Drücker möglichst sicher von der Hand umklammert werden können. Besonders ergonomische Griffe, wie sie sich zum Beispiel bei horizontalen Türklinken finden, zeichnen sich durch Daumenorientierung, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen aus – so, wie es Otl Aicher in den 1980er Jahren angeregt hat. Diese "ergonomischen Kategorien" wurden von FSB kontinuierlich weiterentwickelt und um gezielte Analysen hinsichtlich des optimalen Griffvolumens erweitert, wobei wir auf die ovale Form stießen. Diese bildet die Handhaltung beim Greifen besser ab als eine runde Form und stellt so eine ergonomische Alternative zu traditionellen runden Griffquerschnitten dar.

Geschwindigkeit und Laufrichtung
Ohne Frage orientieren sich die Gestaltung und der konkrete Einsatz von Drückern und Griffen auch am geplanten Gebäudekonzept. Die Auswahl des passenden Beschlags entspringt dabei nicht allein ästhetischen, sondern in gleichem Maße funktionalen Erwägungen. Bei der Ausstattung öffentlich zugänglicher Gebäude mit hoher Publikumsfrequenz und solcher mit spezieller Nutzung, wie Krankenhäuser und Altenheime, Turnhallen und Kindergärten, sind über die rein ästhetische Anmutung hinaus insbesondere Lösungen gefragt, die über eine nachhaltige und zuverlässige Dauerfunktion verfügen. Und nicht alle Türen werden gemäßigten Schrittes passiert. Oft haben Passanten weit weniger Zeit zu verlieren. Hier kann es sinnvoll sein, Klinken zu wählen, die sich der Laufrichtung des Benutzers anpassen. Dies ist durch einen winklig zulaufenden Griff möglich. Eine Links-rechts-Ausrichtung kann selbst bei Ellenbogenbetätigung festen Halt bieten.