Den Anfang verliert man nie
Raimund Thiele über das innere Zuhause
Heimat findet in unseren Köpfen meist geographisch statt. In den Medien hören wir von Menschen, die ihre Heimat verlassen, die für ihr Heimatland Kriege führen oder die ihre Heimat (politisch) verachten. Um zu ergründen, was Heimat für die Menschen bedeutet - egal, auf welchem Teil des Globus sie leben - sprachen wir mit dem Psychologen und Psychotherapeuten Raimund Thiele. Klar ist: Der Anfang der inneren Heimat liegt in der Kindheit. Der seelische Raum ist mit der Geburt bereitet. Ab dann richten wir ihn ein.
BerührungsPunkte: Heimat - was ist das ist psychologisch gesehen für ein Gefühl?
Thiele: Es ist das Gefühl, hier her zu gehören - hier sein zu können. Man kann sich auch schlecht fühlen oder traurig, aber man weiß, »ich habe eine Identität, habe Gegenüber, die anders sind als ich, aber zu denen ich gehöre «. Das ist das sichere Gefühl, das in dem Begriff Heimat gut ausgedrückt ist.
BerührungsPunkte: Wann fängt Heimat an?
Thiele: In welcher Phase der Kindheit sich diese sichere Basis entwickelt, ist seit jeher Thema psychologischer Forschung. Zu Zeiten Freuds diskutierte man über den Ödipuskomplex und die sexuelle Entwicklung. Heute untersucht man die frühste Kindheit. Die derzeitige Erforschung des ersten Lebensjahres zeigt eine ganze Reihe von Überraschungen. Die Kompetenz des Säuglings, sich aktiv in Beziehungen zu bewegen, hatte man zuvor deutlich unterschätzt. Halt und Geborgenheit, Stimulanz und Beruhigung, die Verfügbarkeit der Bezugsperson und ihre Fähigkeit, sich einzufühlen, »bauen« in ihm stabile Strukturen.
Auf jeden Fall ist die frühe Kindheit der Anfang! Die ersten echten Beziehungen, zu wem auch immer, ob zu Menschen, zu Tieren, zu Häusern, zu Landschaften. Dort liegen die Gefühle von »hier fühle ich mich sicher« oder auch umgekehrt »hier fühle ich mich fremd« oder »was soll ich hier eigentlich?«
BerührungsPunkte: Welche Rolle spielt neben den ersten Beziehungen die Umwelt bei der Entwicklung von Heimat?
Thiele: Die Beziehungen der frühesten Kindheit sind prägend. In unseren Kleinfamilien sind dies meist Mutter, Vater und Geschwister. Entscheidend ist, welcher Person die Bedeutung einer wichtigen Bezugsperson zukommt. Vom Baby aus gesehen: Wer ist mein Wunsch erfüllendes, empathisch einfühlendes Gegenüber? Das kann auch eine Großmutter sein, ein Onkel, eine Nachbarin. Diese ernährenden Inhalte bekommen eine große Bedeutung. Wenn das Kind heranwächst, eröffnen sich immer mehr Möglichkeiten, in Beziehung zu treten. Das fängt im ganz Kleinen an und später zeigt sich, wie groß man im Laufe eines Lebens mal wird, ob man über Heimatstadt oder - land hinauskommt.
BerührungsPunkte: Gibt es auch so etwas wie eine schlechte Heimat?
Thiele: Wenn die Erwartungen eines Babys von der Umwelt einigermaßen erfüllt werden, ist es in einem guten Zustand. Das Kind wird dadurch befähigt, mit Ambivalenzen umzugehen. Das heißt, es lebt in einer guten Welt, einer guten Heimat. Wenn ein Kind aber vernachlässigt oder sehr enttäuscht wird, dann entwickel sich Hass und Wut - gewissermaßen eine böse Heimat. Diese Störung äußert sich in Beziehungen durch starke Isolation und negatives Bindungsverhalten. Im Erwachsenenalter entwikkeln diese Menschen, wenn nichts Heilsames geschieht, oft sehr idealisierte Heimaten, schließen sich beispielsweise Gemeinschaften an, die durch ein starkes, gemeinsames Feindbild geprägt sind, beispielsweise Sekten oder extreme politische Gruppen.
Die böse Heimat ist die versagende Heimat. Das ist nicht nur in der Kindheit so. Wenn Beziehungen zerbrechen, wenn es keine Arbeit gibt, kaum etwas zu Essen und keine Perspektiven - dann kann man besser nach Australien gehen und neu anfangen. Der gleiche Mensch kann eine positive innere Heimat spüren, die er aber in der äußeren Welt nicht mehr wiederfindet. In vielen Gesellschaften gibt es dermaßen schlechte Bedingungen, dass man nur noch flüchten kann. Das hat es ja auch bei uns gegeben. Die innere Heimat nimmt man aber immer mit. Im Grunde ist es unglaublich, dass Flüchtlinge sich beispielsweise an den Geruch der heimischen Wälder erinnern können. Sie behalten einerseits diese intensiven Eindrücke aus ihrer alten Heimat und bleiben in der neuen Umgebung Fremde. Man wird dann sehr unsicher und fühlt sich als Gast. Menschen, die das nie erlebt haben, können sich kaum darin einfühlen.
BerührungsPunkte: Das erinnert an das schwärmerische »O, du mein Heimatland« aus der deutschen Literatur...
Thiele: Wenn Heimatgefühle extrem sehnsüchtig und sentimental klingen, vermute ich eher eine Idealisierung dahinter. Wenn Heimat beinahe wie ein überiridisches Paradies beschrieben wird, darf man an dem Realitätsgehalt zweifeln. Ich vermute, dass es sich eher um eine Möglichkeit handelt, den inneren Schmerz zu vermeiden, der durch Trennung, durch den Verlust von Beziehungen entsteht. Wenn man »das Heimatland« idealisiert, muss man den Verlust nicht fühlen. Damit rettet man die innerpsychische Heimat und mildert den Schmerz.
BerührungsPunkte: Vielleicht ist dies die typisch deutsche Art von Heimatgefühlen.
Thiele: Das Buch »Die Weißen denken zuviel« von Parin Parin Morgenthaler - Psychoanalyse der Dogonen - vermittelt sehr eindrucksvoll das völlig andere Heimatgefühl in Stammeskulturen. Dort bilden der Stamm, die Kultstätten, die Tiere die Heimat. Oder die Ahnen, für die nachts das Fenster aufgelassen wird, um sie hereinzulassen. Das wäre für uns ganz unheimlich, die meisten von uns würden sich in so einer Kultur sehr fremd fühlen.
Es gibt sehr viel Unterschiede in der Psychologie von Kulturen. Zum Beispiel die runden Hütten in Afrika führen dazu, dass sich Wahrnehmungsfunktionen tatsächlich anders entwickeln. Bestimmte optische Täuschungen kann man nur erleben, wenn man in rechtwinkligen Räumen aufwächst wie wir. Deshalb mögen auch die Anthroposophen den rechten Winkel nicht.
BerührungsPunkte: Also auch konkrete Formen spielen eine wichtige Rolle?
Thiele: Für unsere psychische Heimat ist es so, dass z.B. eine bestimmte Tapete für ein Kind eine Bedeutung bekommen kann, weil vielleicht Figuren darauf sind, die das Kind zum Leben erwecken kann, wie ein Teddybär. Dieses Bild wird Teil der psychischen Heimat, die bedeutungsvoll ist und den Menschen trägt. Winnicott hat so etwas Übergangsobjekte genannt, die allmählich stellvertretend für die Bezugspersonen »benutzt« werden können.
Wir haben als Menschen die Fähigkeit, unsere Kerngefühle mit äußeren Dingen zu verbinden und uns dadurch zu verankern. Bei meiner Großmutter hingen überall Kreuze und Bilder von frommen, betenden Menschen, die für uns eine immense Bedeutung hatten. Sie erinnerten an ein großes Zuhause aller Menschen, sie hatten zu tun mit der Tradition, in der Heimat war, die durch dick und dünn getragen hat. Auf einer entwickelten symbolischen Ebene entfalteten diese zwei Holzstücke eine enorme Bedeutung, die Menschen wie meiner Großmutter in schweren Zeiten half, die existenziellen Nöte zu mindern: Wenn im Krieg Bomben fielen, konnte das Kreuz in Form eines Rosenkranzes mit in den Bunker genommen werden.
BerührungsPunkte: Man könnte also sagen, die symbolischen Objekte stellen für uns eine Verbundenheit mit dem »großen Zuhause« her.
Thiele: Ja. Und umgekehrt: Wenn wir alles nur nach innen hin verankern, auf Theorien und Ideologien, auf Fantasien, dann ist die Sicherheit der Persönlichkeit sehr instabil und der Mensch vereinsamt. Wo finde ich jemanden, der meine Konstruktionen teilt? Ein kleiner psychologischer Exkurs: Ein Kind wirklich zu stillen heißt, dass ich als Mutter in meinem Gefühl das Kind stille. Dann fühlt sich das Kind psychisch mit der Mutter verbunden. Wenn eine Mutter das Kind nur füttert, ohne seelisch damit verbunden zu sein, ist das Kind alleine und verliert schließlich das Gefühl, wie es ist, gestillt zu werden.
Wenn wir in einen Raum hereinkommen, den sich jemand sehr »ausgedacht« hat, wie ein Gebäude »sein soll«, der also konstruierte und dabei nicht so sehr aus seinen Tiefen schöpfte, dann kann es sein, dass Menschen, die im Konstruieren Zuhause sind, sich da sehr wohl fühlen. Andere aber, die in ihrem Selbst verwurzelt sind, finden diesen Raum steril, und auch wenn so etwas gerade Zeitgeist ist und modern, wirkt das nie wie ein Zuhause. Da fehlt etwas, der »human touch«, die Echtheit, die Substanz. Es gibt ja durchaus moderne Baustile, die so etwas haben, solche Gebäude kommen einem lebendig und richtig vor, die Proportionen stimmen. Bei manchen Bauten dagegen staunt man nur und fragt sich, welche Menschen sich da wohl fühlen sollen. Da läuft man herum wie ein Fremder auf dem Mars. Auch Häuser haben eine Seele...
BerührungsPunkte: ... die einem gefühlsmäßig entgegenkommt oder aber abweisend wirkt?
Thiele: Wir können davon ausgehen, dass Menschen mit bestimmten Grundstrukturen und Vorstellungen von Proportionen auf die Welt kommen. Sie werden keine Mutter erwarten, die aussieht wie ein Elefant. Die neuen Forschungen bestätigen, dass ein Säugling vom ersten Tag an klare Vorstellungen davon hat, wo er hinzugucken hat. Es entfalten sich Vorstellungen über Proportionen, die kompatibel sind mit dem, was außen ist. Wenn es deckungsgleich ist, fühlen wir uns wohl. Wenn es weit von meinen Erwartungen entfernt ist, lache ich mich entweder kaputt, wie komisch das aussieht oder bin schockiert. In vielen modernen Gebäuden für Menschenmassen, nicht nur in Plattenbauten, entwickelt sich geradezu automatisch das unangenehme Gefühl, eine Ameise zu sein.
BerührungsPunkte: Wir leben heute, hört man oft, in einem »globalen Dorf«. Kann dies ein Ort zum Wohlfühlen sein?
Thiele:
Die Anonymisierung in Großstädten ist immens, denn es sollen ja auch ganz viele Menschen gleichzeitig angesprochen sein. Das typische Heimatgefühl von Menschen, die aus Dörfern kommen, ist etwas Traditionelleres und Verbundenes, wo es Schützenfeste gibt, Rituale und natürlich auch die damit verbundene Enge der klaren Spielregeln. Das gibt es in den Städten nicht mehr. Umso wichtiger ist es in den Städten, sich etwas Persönliches zu erhalten und Orte der psychischen Heimat zu finden. Das ist sehr schwer und wird von der Leistungsgesellschaft auch gar nicht verlangt. Eine unserer heiligen Kühe ist die Mobilität. Wir werden von Klein auf unbewusst darauf geprägt, mobil zu sein, autonom zu werden. Wir werden nicht aufgefordert, tiefe Bindungen einzugehen, die sich nur schmerzhaft wieder lösen. Man kann ja nicht bei jedem Ortswechsel eine tiefe Trauerarbeit leisten, sonst folgen Depression und tiefe Erschöpfung.
Zwischen als Verbundenheit erlebter Heimat und städtischer Realität existiert eine große Kluft. In der Stadt kommen Ersatzfunktionen ins Spiel, damit etwas wie Heimat empfunden wird, ein Fußballverein beispielsweise, mit dem man sich identifizieren kann. Da gehen dann immerhin 64.000 ins gleiche Stadion. Grundsätzlich trägt die Anonymisierung aber zur Ängstlichkeit bei und zum Ameisengefühl.
BerührungsPunkte: Was sind die Ängste unserer Zeit?
Thiele: Die kann man bezeichnen als Furcht vor der Herabkunft einer unmenschlichen Welt. Diese Ängste können traumatische Züge annehmen, es ist beispielsweise Angst vor feindlichen Räumen, beispielsweise im Kran-kenhaus, in Schulen, auf der Autobahn. Das Unmenschliche, Befürchtete daran ist die Beziehungslosigkeit. Da stellt sich wieder die Frage, wie man sich schützen kann. Gibt es vielleicht Stellvertreter für Omas Kreuz? Als moderner Mensch setze ich mir vielleicht einen Walkman auf und höre Musik. Im Prinzip ist es Verdrängung. Menschliche Beziehung ist unersetzlich. Oder?
BerührungsPunkte: Aber es scheint so, als seien Heimatgefühle unmodern geworden?
Thiele: Es gibt Menschen, die sich für ihre Herkunft schämen, die gewissermaßen ihre Unschuld verloren haben und modern sein wollen. Das sind die Konfliktpole unserer Gesellschaft. Unsere Entwicklung ist sehr schnell, da kommen nicht alle mit. Manche Menschen wollen unbedingt weg von ihrer Herkunft und andere, die sich mit den Lebensweisen ihres Elternhauses 80 Jahre gut einrichten können. In der mittelalterlichen Vorstellung gab es das Modell eines Schneckenhauses von der Entwicklung der menschlichen Psyche, in dem immer wieder neue Räume entstehen. Ein sehr schönes Bild. Es fängt unten an in der engsten, stecknadelkopfgroßen Windung und entwickelt sich weiter. Man nimmt alles Vorherige mit und hat immer Verbindung zu der ersten Phase am Anfang. Man behält die Wurzeln zu der Heimat und zu allen vorherigen Lebensabschnitten. Gibt es Lebenskrisen, so wird die vertraute Wand eingerissen - und man wächst. Die Vorstellung, man müsste das Vorherige ablehnen, weil es nicht mehr trägt oder nichts mehr wert ist, ist ein Alptraum. Das würde ja bedeuten, bestimmte Abschnitte meines Lebens waren sinnlos und überflüssig. Besser ist die Vorstellung, das Alte war gut, denn ich habe Erfahrungen daraus gesammelt, ich darf aber nicht mehr da bleiben, auch wenn ich will. Das Leben bringt weiter.
Wenn man von der Lebensmitte ins Alter kommt, taucht das Thema Tod auf, ob man will oder nicht. Das kann man verdrängen, man kann sich aber auch auf die Veränderung einlassen. Man kann auch stehen bleiben. Ausgelöst durch schmerzhafte Erfahrungen und vielleicht auch durch die eigene Entscheidung »Mir reicht es jetzt« klammert man sich an einem Ort fest. Wenn man eine sehr traditionelle Ausrichtung hat, ist die Gefahr größer, dass man unbeweglich wird und immer so bleibt. Das andere Extrem ist eine sehr flexible Persönlichkeit, deren Eindrücke von den verschiedenen Räumen sehr blass und oberflächlich bleiben und die gar nicht alles mitnimmt von den neuen Möglichkeiten.
BerührungsPunkte: Kann man seine innere Heimat auch verlieren?
Thiele: Das was am Anfang ist, verliert man nie. Man kann es psychisch verlieren durch traumatische Erfahrungen, dann ist das Leben nicht mehr als Einheitliches zu erleben. Wenn ein Mensch nicht zu tief verletzt ist, kann er seinen Anfang wiederfinden und die Gefühle wieder zum Teil seines Lebens machen. Das ist Psychotherapie.
Interview: Beate Schwedler
Raimund Thiele
Psychologischer Psychotherapeut, Jg. 1951, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Arbeitet seit 1982 in freier Praxis tiefenpsychologisch fundiert.
Ausgebildet in körperorientierter Psychotherapie, zertifizierter Bioenergetiker, Lehrtherapeut und Supervisor für das Institut für Bioenergetische Analyse.





