»Was hat Sie in letzter Zeit besonders berührt,...
...Armin Rohde?«
BerührungsPUNKTE : Geboren sind Sie in Gladbeck – und ein echter Ruhri?
Armin Rohde: An die ersten paar Lebensjahre in Gladbeck habe ich nur noch ganz verschwommene Erinnerungen. Aufgewachsen bin ich in Wuppertal, im Bergischen Land. Das ist etwas ganz anderes als das Ruhrgebiet.
BerührungsPUNKTE : Was ist da anders?
Armin Rohde: Tja, das kann ich gar nicht genau sagen, es fühlt sich anders an. Aber ich war auch schon so lange nicht mehr in Wuppertal, dass ich das gar nicht richtig beschreiben kann - vielleicht ist man dort etwas verschrobener, eigenbrötlerischer, wobei solche generellen Urteile natürlich nie auf die Gesamtheit der Einwohner zutreffen können. Eigentlich bin ich mehr der heimatlose Geselle. Ich wohne zwar in Bochum, aber ich bin bis zu zehn Monate im Jahr unterwegs, da bekommt das Heimatgefühl zur Stadt Bochum nicht sonderlich viel Zeit, um sich zu entwickeln. Es ist auch so, dass ich nach kurzer Zeit, wenn ich länger in einer anderen Stadt bin, mich meist schnell heimisch fühle und mitunter sogar die Dialektfärbung annehme, also in Hamburg z.B. nach ein paar Tagen hamburgisch rede.
BerührungsPUNKTE : Was ist denn Heimat für Sie?
Armin Rohde: Heimat ist da, wo ich mich gerade wohl fühle. Freunde sind Heimat. Am wohlsten fühle ich mich bei meiner Frau. Ich kann sonstwo auf der Welt sein und mich heimisch fühlen durch geliebte und sympathische Menschen um mich herum. Der typische Heimatbegriff setzt ja eine gewisse Regelmäßigkeit voraus, mit der man dieselben Orte aufsucht, dieselben Menschen trifft. Das fällt bei mir meistens weg. Ich finde, egal, wo ich bin, glücklicherweise überall schnell Kontakt zu Menschen.
Sie sagen – in Interviews – immer wieder gerne, dass es nun aber wohl nicht mehr lange dauert, bis Sie aus Bochum wegziehen. Immerhin wohnen Sie jetzt schon 16 Jahre dort. Zu Bochum pflege ich eine Art Hassliebe. Das wechselt aber auch von Tag zu Tag. Im Moment versuche ich, in Bochum eine große Wohnung zu finden. Was gar nicht so einfach ist! Und dann überlege ich mir wieder, nach Berlin zu ziehen, gerade jetzt wieder habe ich viel da zu tun. Berlin bietet branchenmäßig natürlich einfach mehr, hat mehr große Wohnungen. Wahrscheinlich ziehe ich nach Berlin.
BerührungsPUNKTE : Was hält Sie denn in Bochum?
Armin Rohde: Ein paar ganz wenige gute Freunde, Jabo, Dorle, Beate, da ist der Laden von Elli Altegoer, ein Tante-Emma-Laden mit Stehcafé, wo wir uns mit Freunden treffen, zum Beispiel mit Hilde Zellmer. Ich spiele ja auch im Moment Theater in Bochum, Richard III., so bestimmte Anlaufstellen sind da. Aber im Grunde lebe ich vagabundierend, treibend. Das ist meistens ein schönes, freies Gefühl.
BerührungsPUNKTE : Tragen Sie Heimat überhaupt als Ort, Landschaft, Gegend mit sich herum?
Armin Rohde: Nein, eben nicht. Den größten Eindruck machen auf mich immer die Menschen. In der Kindheit und auch später. Ich tue mich schwer mit diesem alten Heimatbegriff oder auch nur mit dem Gedanken, dass die äußere Umgebung soviel zur Persönlichkeit beiträgt. Situationen, Begegnungen und Erfahrungen sind viel wichtiger.
BerührungsPUNKTE : Wenn Sie sich auf eine Rolle vorbereiten, müssen Sie auch aus Ihrer Persönlichkeit schöpfen. Nimmt man auf diese Art und Weise seine Heimat, bzw. Herkunft mit in die Schauspielerei? Gibt es Rollen, die durch Ihre persönliche Herkunft leichter, bzw. schwerer fallen?
Armin Rohde: Falls das so sein sollte, dann hat es eher damit zu tun, das ich erlebt habe, wie schwer meine Eltern ihr Geld verdienen mussten, um vier Kinder und sich gut durchzubringen, ich war der Älteste. Das hat mich empfindlich werden lassen gegen hohle Übertreibung und Anmaßung und mich gelehrt, die Arbeit anderer Menschen zu achten. Diese Haltung nehme ich natürlich auch in meine Rollen hinein, versuche sie zu beschützen und zu verteidigen wie jüngere Geschwister.
BerührungsPUNKTE : Wie ist das in der Schauspielerei, bei Besetzungsbüros fürs Fernsehen: Gibt es da Klischees über Schauspieler, speziell aus dem Ruhrgebiet, die dann von den Medien auch noch fleißig reproduziert werden?
Armin Rohde: Was die Besetzungsbüros betrifft, zählt die Qualität der Arbeit, Gott sei dank. Was die Medien betrifft, stimmt das leider immer wieder mal. Da wird fleißig ein Ruhrgebiets-Image aufrecht erhalten, das es in Wirklichkeit so gar nicht gibt. Alleine, wenn wir uns jetzt darüber unterhalten und in diesem Interview mit mir das Wort »Ruhrgebiet« auftaucht, ist es schon wieder passiert – das bleibt hängen. Was sehr ärgerlich werden kann, wenn damit eine Einengung auf bestimmte, eher schlichte Wesensattribute einhergeht. Wenn ich an die Anfänge meiner Karriere denke, war es vielleicht tatsächlich so, dass ich gewisse »typische« Rollen eher angeboten bekommen habe. Allerdings auch nur im Film und Fernsehen, was aber in den letzten Jahren mir gegenüber auch da einer wesentlich qualifizierteren Betrachtungsweise gewichen ist. Im Theater war ich nie auf irgendwelche Klischees festgelegt. Da geht es nur darum, ob man einen Charakter ausfüllen kann oder nicht.
BerührungsPUNKTE : Gibt es etwas, was Ihre Schauspieler-Kollegen aus dem Ruhrgebiet verbindet, was möglicherweise doch ähnlich ist?
Armin Rohde: Ja, doch. Die meisten haben etwas sehr Geerdetes. Man hat das Gefühl, sie bleiben immer mit beiden Beinen auf dem Boden, selbst wenn der eine oder andere vielleicht ein abgehobener Spinner geworden ist – man merkt ihm das dann zumindest nicht so schnell an. Die Verknüpfung zu Tatsächlichkeiten geht den Leuten aus dem Revier nicht so schnell verloren. Aber das kann man auch bei einem Bajuwaren, einem Friesen erleben. Oder bei echten Berlinern. Warum sie immer uns aus dem Revier gerne unter der Latte durchlaufen lassen wollen, verstehe ich nicht. Adenauer z.B. hat unüberhörbar Kölsch gesprochen und wurde deshalb keineswegs als Kölscher Simpel dargestellt. Hätte er nach Ruhrgebiet geklungen, wer weiß, wieviele Punkte man ihm abgezogen hätte. Es ist doch eher so: Die, die sich allzu glatt schleifen lassen, sind in Gefahr, ihre Identität und Erdung und letzten Endes ihre Kraft zu verlieren. Man sollte ruhig heraushören dürfen, wo einer sozialisiert wurde, ohne ihn gleich für unfähig zu halten, auch anders zu können oder ihm Merkmale zu unterstellen, die mit der Herkunft nicht das geringste zu tun haben.
BerührungsPUNKTE : Was hat Sie in letzter Zeit besonders berührt?
Armin Rohde: Ganz klar, was wohl alle Menschen erschüttert hat: die Attentate vom 11. September. Aber ganz aktuell auch etwas: Ich war neulich auf einer Geburtstags-Party, da war ein kleines Mädchen von fünf Jahren – Marie –, die mich mit ihrem Humor und ihrer Intelligenz sehr verblüfft und beeindruckt hat. Ich habe mir vorgestellt, wenn das repräsentativ für die Zukunft der Menschheit ist, dann muss man nicht bange sein. Weil ich mit Kindern sonst nicht viel zu tun habe, hat mich das sehr angerührt. Da hab ich gedacht, vielleicht doch noch irgendwann Vater zu werden.
Interview: Beate Schwedler
Armin Rohde
Ausbildung an der Folkwangschule Essen und Clownschulung durch Pierre Byland. Spielte in zahlreichen Theaterproduktionen am Schauspielhaus Bochum, Berliner Theatertreffen, Moskauer Theaterwochen, u.v.a.: »Richard III.«, »Warten auf Godot«, »Oedipus« (Soloabend), »Der Untergang des Egoisten Fatzer«, »Dreigroschenoper«, »Germania Tod in Berlin«. Kinoproduktionen u.a.: »666 – Traue keinem, mit dem du schläfst«, »Rossini«, »Das Sams«, »Marlene«, »Lola rennt«, »Das Leben ist eine Baustelle«, »Schtonk«, »Der bewegte Mann«, »Kleine Haie«.
Fernsehproduktionen u.a.: »Schutzengel gesucht«, »Liebe. Macht. Blind«, »Tatort: Bestien«, »Das Gelbe vom Ei«.





