"And he built a crooked house"
Robert A. Heinlein
Dimensionen, Bezüge und Perspektivwechsel – Begriffe, die einem bei dem Stichwort Bildbewegung, gerade im architektonischen Kontext, schnell in den Sinn kommen. Architektonischer Kraftakt ist und bleibt sicher der Umgang mit Bewegung – sei es, um Bewegung entgegenzuwirken oder aber gar metamorph die Verwandlung eines Baukörpers zu erwirken. Willkommen im totalen Wahnsinn und an den Grenzen jeglicher Vorstellungskraft.
Robert A. Heinlein ist so jemand, der die Vorstellungskraft seiner Leser überdurchschnittlich fordert. Heinlein lebte von 1907 bis 1988 und war ein – teilweise umstrittener - amerikanischer Science-Fiction-Schriftsteller. Wer sich einmal darangemacht hat, die Welt der 4. Dimension für sich zu begreifen, kennt das Gefühl des Scheiterns. Eigentlich ist es für uns dreidimensionale Menschen unmöglich, sie zu erfassen. "And he built a crooked house" ist eine Geschichte aus dem Jahr 1940 und bildet an dieser Stelle die Schnittmenge zwischen Architektur, Bewegung und Literatur.
Eine Zusammenfassung:
Wie heißt es im Land der begrenzten Bauvorschriften: "The limit is the sky". Diesem Motto hat sich Architekt Quintus Teal voll und ganz verschrieben. Teal, ein Träumer und Visionär seiner Zunft, erörtert mit seinem Freund Homer Bailey in einem ebenso tiefgründigen wie brandytrunkenen Disput Sinn und Zweck menschlicher Behausungen. Für Teal ist ein Haus "eine Maschine zum Leben, ein vitaler Prozess, eine dynamische Sache, die sich mit der Stimmung der Bewohner ändert". Sein anfangs skeptischer Gesprächspartner, der sein zukünftiges Haus ganz im archaischen Sinne des zweckmäßigen Unterschlupfs sieht, lässt sich – dem Weinbrand sei Dank – dazu hinreißen, Teal mit Planung und Ausführung eines etwas anderen Eigenheims zu beauftragen. Ein Eigenheim in Form eines Tesserakts. Mit dem Elan des erhörten und verstandenen Künstlers macht Teal sich ans Werk. Das "Haus der Zukunft – moderner als TV, aktueller als nächste Woche" – nimmt Formen an und kann den Baileys schon bald zur Besichtigung vorgeführt werden.
Doch was es an Ort und Stelle zu bestaunen gibt, schockiert nicht nur die den neumodischen Bau argwöhnisch betrachtende Mrs. Bailey: Das Haus ist offenbar geschrumpft! Nur sechs der ursprünglichen sieben Quader sind sichtbar. Diebe am Werk, wie Teal vermutet? Um der Sache auf den Grund zu gehen, beschließen die Baileys, zusammen mit ihrem Architekten die Umgebung vom Dach des Hauses aus zu begutachten.
Der Eingangsbereich, der nun den Zugang zum Dach des verbliebenen Geschosses ermöglichen soll, erscheint zuerst völlig normal und Teal führt seinen Begleitern die verborgenen Gadgets des bahnbrechenden Projektes vor – Treppen etwa, die per Knopfdruck erscheinen. Zur Verblüffung aller führt der Aufgang allerdings nicht auf das Dach, sondern in die hochmoderne Küche. Um endlich nach oben zu gelangen, erklimmen sie Raum für Raum auf dieselbe Weise, um sich – schlussendlich – erneut in der Eingangshalle wiederzufinden. Mr. und Mrs. Bailey haben genug gesehen, verlassen – vermeintlich – das Haus und stehen verblüfft im 1. Stockwerk. Ein Blick aus dem dortigen Panoramafenster, der ebenso wie jener die Treppe hinunter erstaunlicherweise in den Eingangsbereich geht, bringt Teal zur einzig möglichen Lösung des Problems – oder besser gesagt zu dessen Ausgangspunkt: Ein leichtes Erdbeben muss den ausgefalteten Tesserakt in seine vierdimensionale Form versetzt haben, welche die Besucher am Entkommen hindert. Zwar gelingt es Teal ein einziges Mal, das Haus zu verlassen, doch scheitert jeder Ansatz einer Wiederholung.
Die allgemeine Verwirrung findet in einer wilden Verfolgungsjagd, bei der der bemitleidenswerte Teal fieberhaft – und selbstverständlich erfolglos – versucht, sich selbst einzuholen, einen ersten Höhepunkt. Nicht nur die Räume scheinen sich zum selben Zeitpunkt an verschiedenen Orten zu befinden – das Gleiche gilt also auch für die Personen in ihnen. Übertroffen wird jene doch einigermaßen schockierende Tatsache durch die Erkenntnis, dass sich selbst Ausrichtung und Position des Raumes unbemerkt verändert haben: Aus dem Arbeitszimmer im Zentrum des Objekts schaut man nicht, wie angenommen, in die Küche, sondern aus schwindelerregender Höhe in die Tiefe. Und als wäre das nicht genug, eröffnet ein anderes Fenster die Aussicht auf Downtown Manhattan – von oben. Ein weiteres zeigt den offenen Ozean – anstelle des Himmels, und das dritte – quasi als Krönung – das pure Nichts! Ein letztes Fenster bleibt – und mit ihm die Hoffnung. Ein erster Blick lässt wenig Gutes erahnen. Ein fremder Planet, gar ein anderes Universum? Immerhin scheint die unwirtliche Szenerie auf einer Ebene mit den Protagonisten zu sein und – wie sich nach Öffnen des Fensters herausstellt – eine lebensfreundliche Atmosphäre zu besitzen. Ein einsetzendes starkes Erdbeben zwingt die drei zum Springen.
Erleichtert finden sie sich tatsächlich im Sand der Wüstenlandschaft wieder, doch das Haus, es ist verschwunden. Noch immer nicht sicher, sich auf ihrem Heimatplaneten zu befinden, und völlig orientierungslos, vernehmen sie das Geräusch eines Trucks, dessen Fahrer sich bereit erklärt, sie nach Hause zu fahren. Er erklärt ihnen, dass sie sich inmitten des "Joshua-Tree National Forest" gut 200 Kilometer entfernt von L.A. befinden. Angekommen am Ursprungsort des Geschehens, finden sie auch dort kein Haus mehr vor. Es muss durch das Beben in einen anderen Raumabschnitt befördert worden sein. Teal folgert daraufhin lapidar, er müsse sein nächstes Gebäude wohl fest am Boden verankern, denn er hat aufgrund des Erlebten bereits eine "neue revolutionäre Idee für ein Haus".
Quelle: "The fantasies of Robert A. Heinlein", 1999, Tor-Verlag
