Gefühlte Stadtlandschaften
Die Rolle von Stadt und Landschaft im narrativen Film
Was hat Architektur mit Film gemeinsam? Im Rahmen einer Vorlesungsreihe zum Thema "Stadt in der Kunst – gelebte Stadt" stellte sich Prof. Volker Kleinekort in seinem Vortrag dieser Frage und formulierte die daraus resultierenden Konsequenzen auf Entwurfsmethoden in der Architektur.
Das Auseinandersetzen mit Stadt ist seit jeher nicht nur eine isolierte Disziplin der Architektur – Stadtsoziologen, Geografen, Schriftsteller und viele andere nutzen Stadt als Sujet ihrer eigenen Betrachtungen und Interpretationen.
Städte und Landschaften im Film verorten die Erzählung, sie setzen narrative Knotenpunkte und verknüpfen dadurch den Erzählstoff, sie spiegeln innere Zustände und können Genremerkmale sein, wie z.B. beim Science-Fiction-Film oder Roadmovie. Allen diesen Aspekten ist die Tatsache zu eigen, dass der Begriff Stadt oder Landschaft die "Trennung von betrachtendem Subjekt und beschreibendem Objekt" voraussetzt – meinen die Filmwissenschaftlerinnen Barbara Pichler und Andrea Pollach in ihrer Publikation "Moving Landscapes".
Was hat Architektur, also Urban Landscape, mit Film gemeinsam?
Film und Architektur bedingen sich. "Ich kann nur abfilmen, was ich vorher erschaffen habe." Diese Aussage von Fritz Lang (Metropolis) macht deutlich, dass eine enge Verbindung besteht zwischen dem Entwerfen und der Utopie. Man kann diese Aussage aber auch umdrehen und behaupten, dass man nur das erschaffen kann, was man imstande ist, vorab zu imaginieren, sich also bildhaft vorzustellen. Da rückt das Entwerfen dann sehr nah an den Film.
Wahrnehmung von Stadt und Landschaft im Film
"Nimmt der moderne Mensch Landschaft wahr, ist er normalerweise in Bewegung", schreibt Udo Weilacher in seinem Essay "Bildwelten in Bewegung". Diesen Aspekt der "Bewegung zur Wahrnehmung" hat bereits Ludwig der XIV. vorweggenommen. Er hat die Bewegung der Kamera, die es noch gar nicht gab, durch den Raum erlebt, wenn er sich mit einem Rollstuhl durch sein Versailles hat fahren lassen. Diese Fahrten sind aufs Kleinste in Beschreibungen gleich einem Drehbuch festgehalten worden. Bewegung wird hier so schon sehr früh zum Raumgenerator. Selbst seine Gäste erlebten Versailles so in einer festgelegten Choreografie durch seine Augen – durch die eines Regisseurs.
Bei der Betrachtung von Film sind die Eigenarten dieses Mediums zu beachten. Film ist eine Reihung von Bildern, in den meisten Fällen 24 Bilder pro Sekunde. Dadurch hat der Regisseur, im Gegensatz zur Malerei oder Fotografie, die Möglichkeit, Informationen auf verschiedene Einzelbilder zu verteilen. In der Landschaftsmalerei ist Sujet, Oberfläche, Farbe je direkt als Information vorhanden. Der Film hingegen kann zunächst einen groben Überblick über den Schauplatz geben – unter Experten als "Establishing Shot" bekannt: ein übliches Verfahren, in dem der Schauplatz für den Zuschauer etabliert wird – und im Folgenden mehrere Details zeigen. Der Zuschauer integriert die Informationen dieser unterschiedlichen Bilder selbst zu einem Ganzen.
Ein weiterer bedeutender Punkt ist die Bewegung der Kamera – also die Bewegung des Betrachters – und der Schauspieler. Durch ebendiese Bewegung der Kamera wird Raum anders behandelt als in der 2-D-Welt, in der Raum meistens durch die Perspektive konstruiert wird. Im Film erfolgt der räumliche Eindruck in der Regel durch sich überlagernde Ebenen und Körper. Hiermit ist auch gleich eine erste Verwandtschaft zur Arbeit der Architekten genannt: das Konstruieren von Raum – und das Konstituieren von Raum durch Handlungen des Menschen.
Aber die natürliche menschliche Wahrnehmung kann für den Film nicht Modell sein, denn die Kamera ist sehr viel beweglicher als das Auge. Im Film sind Schnitte, Zeitlupe und Montage möglich. Es gibt also eine andere, offenere und totale Wahrnehmung. Der Film ist nicht einfach Kamera, er ist Montage. "Er befestigt jeden beliebigen räumlichen Punkt an jedem beliebigen Punkt der zeitlichen Ordnung" (Gilles Deleuze in "Das Bewegungsbild"). Das verdeutlicht das vielleicht extremste oder zumindest das bekannteste Raum-Zeit-Schnitt-Beispiel: Stanley Kubricks "2001 – A Space Odyssey" von 1968. In einem Schnitt werden ein Zeitsprung von Tausenden von Jahren und eine Verortung ins All vorgenommen. Ein Ur-Affe wirft einen Knochen in die Luft, der schließlich im kommenden Schnitt zum Raumschiff im All wird.
Was kann Architekten und Planern der Blick auf das Genre Film also zeigen?
Ausgehend von der Behauptung, dass "Landschaft im Film nicht darstellbar ist", da die Bewegung des Sujets nicht die Bewegung des Film ist (Marcus Andrew Doel in Cinematic Geography) und es darüber hinaus weder in der Landschaftstheorie noch in der Filmwissenschaft einen Terminus für die Betrachtung der Zusammenhänge von Landschaft und Film gibt, nutzen Pollach und Pichler den Begriff "soulscape". Diese "Seelenlandschaft" wird gleichgesetzt mit dem filmischen Darstellen einer inneren Verfassung der Protagonisten. So ist die äußere Welt der Spiegel der inneren Welt.
In diesem Zusammenhang wird Stadtlandschaft auch als "sentimentale Kartografie" bezeichnet. Ein beispielhafter Film für diese Begriffspaare ist u.a. "Stromboli" von Rosselini: Die Landschaft transportiert die Seele der Protagonistin (gespielt von Ingrid Bergmann) nach außen. Der Horizont ist nicht sichtbar – ein Ausweg unmöglich. Erst der Sternenhimmel verspricht Erlösung und erzeugt neue Zuversicht. Das ziellose Umherschweifen eines Täters in der Großstadt im Genre der Gangsterfilme der 30er-Jahre oder, aktueller in Ang Lees Meisterwerk "Brokeback Mountain", beschreibt die geradezu endlose Erhabenheit der Landschaft im Stil der Fotografien Ansel Adams' und damit die Ausweglosigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen der Protagonisten des Films. Für die Architektur bedeutet dies, dass der "Raum" über unsere Aneignung zum Träger unserer Stimmung und damit zur Seelenlandschaft wird. Stadtlandschaften sind so auch das freieste Element zum Transport von Gefühlen.
Wer sich Filme anschaut und sich die Reaktionen, welche die Bilder hervorrufen, vergegenwärtigt, dem stellt sich die Frage, ob diese Sinneswahrnehmungen für Architekten nutzbar gemacht werden können: Wie ist mein Projekt inszeniert? Wo befindet sich der "Establishing Shot" – der Punkt also, der den Betrachter in der Filmhandlung positioniert? Dieser Eintritt in eine Film-Welt und die Orientierung darin sind Parallelen, die jede klassische Filmhandlung mit Architektur im weitesten Sinne hervorbringt.
Hintergrund dieses Ansatzes ist der Begriff des "gelebten Raumes" von Henri Lefebvre, in dem Raum nicht physisch gegeben, sondern kulturell produziert wird. Lefebvre entwickelt in "The Production of Space" von 1974 drei Raumbegriffe: den wahrgenommenen Raum, den konzipierten Raum und den gelebten Raum, die Architektur und Film nah aneinanderrücken lassen.
In diesem Sinne bleibt es den Architekturschaffenden überlassen, Schnittstellen oder aber Schnittmengen zu definieren, sich über Inszenierungen oder "Establishing Shots" zu positionieren und Haltung einzunehmen gegenüber der gebauten Umwelt und dem kulturellen Stellenwert ihrer architektonischen Räume.
Weiterführende Literatur:
Martin Lefebvre, Landscape and Film, London: Routledge Publishers 2006
Siegfried Krakauer,Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1964
Volker Kleinekort ist Architekt und Stadtplaner in Düsseldorf. Studium der Architektur an der Hochschule Bochum und der Kunstakademie Düsseldorf, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Architektur der TU München und seit 2009 Professor für Städtebau an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden.
A Space Odyssey
Stanley Kubrick
ab Min 04:50
Stromboli
Rosselini
ab min 00:50



