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Architekten im Film
Es gibt, im Großen und Ganzen, zwei Sorten von Filmarchitekten. Zum einen den schwarz bebrillten "Mann"(!) im schwarzen Anzug mit schwarzem Rolli, der geschäftig riesige Papierrollen mit sich herumträgt. Der mit Helm im Baustellenmatsch watend den Bauarbeitern sagt, wo es langzugehen hat.
Kaum eine Daily-Soap, ein triviales Beziehungsdrama, in dem kein (erfolgreicher) Architekt bis spät in die Nacht Modelle baut, sie am nächsten Tag dem Bürgermeister persönlich erläutert, zunächst scheinbar gegen den Baulöwen der Gemeinde scheitert, schließlich aber mit der Ökosiedlung, nachhaltig, kinderfreundlich, das Rennen macht. Und obendrauf die attraktive Tochter des Bürgermeisters ehelicht.
Zum anderen gibt es die Sinnenden, die Zweifler und Ideologen. Sie skizzieren (meist) hemdsärmelig während der Nacht – mit Wein und Zigarette – ihre hochfliegenden Visionen und leben lieber am Existenzminimum, als sich und ihre Vorstellung von guter Architektur verbiegen zu lassen. Oft wissen sie allerdings selbst gar nicht so genau, was das denn eigentlich sein soll.
Im Film "Alle Anderen" der Regisseurin Maren Ade aus dem Jahr 2009 verkörpert der Architekt Chris so etwas wie eine Mischung aus beidem: Er gibt sich intellektuell – in einem Haus, selbstverständlich weitab von touristischen Zentren Sardiniens, strahlt er bücherlesend einen Hauch von Existentialismus aus. Auf eine verkopfte und eher wortkarge, durchaus auch überhebliche Art lässt er seine Freundin Gitti häufig dumm dastehen. Er scheint sich aber nur zaghaft selbst zu verwirklichen – banale, dafür existenzsichernde Bauaufgaben, wie der Umbau eines Ferienhauses auf der Insel, reizen ihn kaum. Ohne seine eigentlichen Ziele ernsthaft zu verfolgen, dümpelt er in seinen architektonischen Idealvorstellungen herum.
Seine charakterlich mehr als ungleiche Partnerin führt ihm seine Unzulänglichkeiten offen vor Augen und kritisiert seine Ambivalenz, sein Zögern und Abwägen: "Ich glaub, du musst mal was riskieren – du bist so ängstlich ..." Sie sprechen miteinander, gegeneinander, übereinander. Chris wirkt auf Gitti unnahbar, unflexibel und mit Problemen behaftet, die für sie keine sind. Sie wiederum vermeidet es, Chris zu hinterfragen – sie zieht ohne jede Sensibilität ihre, vielleicht voreiligen, Schlüsse über ihn.
Als Chris seinem alten Studienkollegen Hans über den Weg läuft, tut er erfreut – obwohl ihm dessen angeberische und selbstgefällige Art gegen den Strich geht. Doch auch hier fehlt ihm das nötige Rückgrat sich zu behaupten. Er lässt aus Prahlerei ab von seiner zuvor zumeist vertretenen Einstellung, geradezu aus Idealismus arm an Aufträgen zu sein, und stellt sie von jetzt auf gleich in Zweifel. Gitti ist auf der einen Seite beeindruckt, auf der anderen aber auch äußerst befremdet vom veränderten Gebaren ihres Lebensgefährten.
Beiden gemein ist die Unsicherheit, die sie im Verlauf der Handlung auf höchst unterschiedliche Weise zu verdecken suchen. So wird die Situation immer verfahrener, immer auswegloser – jede Äußerung wird missverstanden, überbewertet und als Anklage ausgelegt; wohlmeinende Kommunikation untereinander wird beinahe unmöglich.
Vielleicht macht gerade diese Gemengelage die Figur des Architekten so geeignet für diesen Film: den Vertreter einer Berufsgruppe, die sich in gewisser Eitelkeit gern als missverstandene, idealistische Künstler sieht, die sich notwendigen Kompromissen verschließt und so immer und immer wieder auf kaum aufzubrechende Widerstände trifft – im Beruf wie im Privaten. Es sei denn, er schafft es schluss-endlich, den oft notwendigen Pragmatismus aufzubringen, ohne dabei sich selbst zu verraten.
