Plakative Eigen-Art
Traditionsreiche Kunst in Indien
Wer die vielbeschworene Traumfabrik immer noch bei den neun Buchstaben in den Hügeln Kaliforniens sucht, sollte seine Perspektive ändern – und den Blick nach Osten wenden.
Kein anderes Land der Welt hat das Kino zu einem solch organischen Bestandteil seiner Kultur, zur zweiten Realität erhoben wie Indien. Bollywood – viel zu kurz greift diese inzwischen gängige Vokabel, denn obwohl indische Filme von Anfang an die gängigen Hollywood-Genres dem lokalen Geschmack angepasst haben, kann von Kultur-Kolonialismus keine Rede sein. Nicht die kritiklose Übernahme westlicher Bilder steht im Mittelpunkt der indischen Filmproduktion – vielmehr werden diese Bilder nur in Anspruch genommen, um sie in gänzlich neue Zusammenhänge zu stellen.
Dies zeigt sich nirgendwo eindrucksvoller als in der Kunst der indischen Plakatmalerei, einem einzigartigen Genre, das die visuelle Kultur des Subkontinents im 20. Jahrhundert auf unvergleichliche Weise geprägt und seine ganz eigene Bildsprache entwickelt hat. Entstanden aus der Notwendigkeit, ein Massenpublikum mit oft niedrigem Bildungsstandard zu erreichen, der Hindi-Schriftsprache häufig nicht mächtig, verwandelte diese Kunstform ganze Städte in Galerien, riesige, meterhohe Schautafeln bestimmten das Bild der Großstädte.
Vor dem Aufkommen der indischen Filmindustrie wurde die Bildsprache der indischen Kunst entscheidend geprägt durch die kolonialen Einflüsse; perspektivische Elemente der Renaissance flossen ebenso ein wie naturalistische Methoden. Die indischen Eliten passten ihren Geschmack dem der Engländer an; Schulen wurden gegründet, deren Ziel es war, das Kunsthandwerk und die Kunst Indiens durch das wissenschaftliche Studium westlicher Techniken zu verbessern. Die Absolventen nutzten die neu erworbenen Kenntnisse für Gemälde, Lithografien, Illustrationen und Bühnenbilder. In der Folge bildete sich eine neue populäre visuelle Kultur aus, deren kommerzielle Ausrichtung perfekt zum am Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommenden Stummfilm passt. Die charakteristischen Farben, die man heute mit den filmi-Plakaten verbindet, sucht man damals allerdings noch vergebens – die ersten Plakate zu den hauptsächlich importierten Filmen dieser Ära sind im monochromen Stil gefertigt.
Zu seiner wahren Bestimmung finden das indische Kino und seine Plakatmalerei erst mit dem Aufkommen des Tonfilms. Die Plakate weisen eine breitere Farbpalette auf, die immer zahlreicheren Lichtspielhäuser bieten dem Publikum neben den nun immer häufiger im eigenen Land produzierten Filmen eine eigenartige Variante der Art-déco-Architektur, die aufgrund ihres eigenwilligen Stils auch als Indo déco bekannt wurde. Auch die Filmwerbung nimmt Aspekte dieses Kunststils auf: Die schnittige Typografie und das modische Design werden in erster Linie für Filme verwendet, die moderne Technologien und die industrielle Entwicklung zum Inhalt haben – natürlich immer vor dem Hintergrund der indischen Kultur. Die Frau im Sari, die in ein Mikroskop schaut, gehört zu den typischen Motiven dieser Zeit.
Die Blütezeit des indischen Kinos, gleichsam sein Goldenes Zeitalter, beginnt nach der Unabhängigkeit im Jahre 1947. Die indische Filmproduktion, deren Zentrum sich in Mumbai befindet, entwickelt zunehmend ihren eigenen Stil, die begeisterte Hinwendung zu Musik und Tanz, die das indische Kino noch heute bestimmt, macht aus jedem Film ein spektakuläres Musical. Die Filmplakate werden in dieser Zeit glamouröser – Liebespaare, die Andeutung von Sinnlichkeit und Erotik bringen einen Hauch Hollywood auf den Subkontinent. Die Bildsprache der Plakate wird deutlicher – die dargestellten Schauspieler zeigen plakative Posen des Erschreckens, schreiende Münder und kullernde Tränen springen dem Betrachter überlebensgroß ins Auge. Der Hintergrund der Plakate zeigt symbolbefrachtete Motive – der verdorrte Baum, das einsame Haus auf der Klippe, der Zug, der durch die dunkle Nacht rast, lassen keinen Zweifel am melodramatischen Inhalt der Filme aufkommen. Viele traditionelle Plakatmaler verlassen zu dieser Zeit das grelle Bollywood und wenden sich religiösen Motiven, häufig im Rahmen der traditionellen Kalendermalerei, zu. Dies ist einer der Gründe, warum viele Darstellungen von Gottheiten aus dieser Zeit eine auffällige Ähnlichkeit mit Filmstars aufweisen! Der filmi-Touch beeinflusst die indische Kultur weit über die eigentlichen Grenzen des Genres hinaus.
Zunehmend entwickelt der indische Film eine eigene Handschrift, die Filmplakate verwenden immer häufiger Symbole aus der indischen Kultur und Gesellschaft. Die oft trostlose Gegenwart führt zu einer Hinwendung zu Historien- und Kostümfilmen, die Indiens Vergangenheit als glanzvolle Zeit großen Wohlstands zeigen, dabei aber eher auf volkstümliche Legenden als auf die Realität zurückgreifen. Die Plakate zu diesen Filmen schwelgen in der Darstellung opulent ausgestatteter Paläste, kostbarer Gewänder und prunkvoller Darstellungen einer Zeit, die es so nie gegeben hat und die wohl deshalb in umso stärkerem Maße die Fantasie der Maler beflügelt! Große Schlachtengemälde von oft gigantischen Ausmaßen entstehen – und enden manchmal nach kurzer Zeit als Abdeckung für Kamerawagen oder ganz einfach auf dem Müll. Denn – Kunst hin oder her – die indische Plakatmalerei ist nicht für die Ewigkeit geschaffen. Sie ist eine klassische Gebrauchs- und eben manchmal auch Verbrauchskunst. Auch die Künstler selbst ernten nur selten Ruhm für ihre Werke. Die meisten von ihnen, oft Autodidakten, bleiben anonym, nur wenige Namen ragen aus der großen Masse heraus.
Obwohl die grellbunten Plakate dies kaum vermuten lassen, gibt es den Farbfilm in Indien erst seit den 60er-Jahren. Dann aber heißt die Devise: "Bollywood Goes Pop!" Stand in den 50ern noch die Bemühung der indischen Filmindustrie im Mittelpunkt, eine eigene Identität zu entwickeln und koloniale Einflüsse abzuschütteln, so entstehen in den 60ern Filme für eine junge Generation, die sich für die Konsumkultur des Westens begeistert, diese als erstrebenswert und kosmopolitisch empfindet. Die entsprechenden Plakate sind ein Meer aus Farben, mit neuen Gestaltungselementen wie Blumen und Herzen, eingerahmt von geometrischen Mustern und wirbelnden Wellenformen. Als Schauplätze der Filme, auf den Plakaten oft stereotyp dargestellt, dienen westliche Metropolen wie Paris und London. Die visuell spektakulären Plakate gewinnen nicht zuletzt dadurch an Lebhaftigkeit, dass anstelle der bisher im Mittelpunkt stehenden Methode der Lithografie nun häufig die Offset-Technik eingesetzt wird. Der Fortschritt ist auch in diesem traditionellen Genre nicht aufzuhalten.
Trash – nichts trifft die Entwicklung des indischen Kinos und seiner Plakatkunst in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts besser! Die Masala-Filme erleben in dieser Zeit ihren Höhepunkt – Masala, vielen aus dem Gewürzregal vertraut, bezeichnet in der Tat eine Art "würzige Mischung" und umschreibt das Bemühen der Filmproduzenten, so viele Elemente wie möglich in einem Film – und natürlich auch auf dem Werbeplakat – unterzubringen. Der Zuschauer soll das Gefühl haben, für sein Geld möglichst viel zu bekommen. Liebe, Verbrechen, Intrigen, Action und natürlich Tanz und Gesang – die Plakate quellen fast über bei all den Motiven. Alle Darsteller, jede Attraktion des Filmes wird auf die Leinwand gebracht, selbst der Raum zwischen den Motiven wird angefüllt mit Actionszenen und Songsequenzen. Jedes nur vorstellbare Element, das in der Geschichte der Bollywood-Plakate jemals Bedeutung hatte, taucht in den Bildern auf. Darüber hinaus kennzeichnet ein fast lächerlicher Farbcode die Charaktere als gut oder böse – der grünliche Bösewicht bedroht die rotwangige Heldin. In grobem Pinselstrich, mit brachialer Energie kommen diese bildlichen Katastrophen daher, selbst die Titelzeilen enthalten oft noch symbolische Elemente wie blutige Dolche oder Rosen. Selbst kitschbegeisterte Europäer stehen wohl in ratloser Verwunderung vor diesem optischen Overload.
Wie ein letztes Aufbäumen jedoch erscheinen diese visuellen Exzesse. In den 80er-Jahren beginnt der Niedergang der Plakatmalerei, der Wechsel vom gemalten Bild zur Fotografie zeichnet sich ab. Im digitalen Zeitalter ist das handgemalte Plakat nicht gänzlich ausgestorben, aber zur nahezu völligen Bedeutungslosigkeit verurteilt. Ausgefeilte Hochglanzbilder der Stars haben die Kitsch-Sinfonien in Öl abgelöst, Fernsehwerbung das Straßenplakat ersetzt.
Dennoch lebt die Tradition in gewisser Weise fort. Die Kalendermalerei, die stark von der Plakatmalerei beeinflusst ist, erfreut sich ungeminderter Beliebtheit, übrigens auch in Europa, wie eine gut besuchte Ausstellung in Wien vor einigen Jahren zeigte. Auch die Straßenkunst und -werbung Indiens trägt Züge des überlebten Genres. Filmi-Motive dienen als Werbeschilder für Werkstätten und Friseursalons, finden sich auf Streichholzschachteln und Feuerwerkskörper-Verpackungen. Ein bekanntes Plakatmotiv mit dem Bild eines beliebten Schauspielers ziert gar einen Eiswagen – der Dolch in seiner Hand wurde kunstvoll durch ein Eis am Stiel ersetzt!
Quelle: "The Art of Bollywood" von Paul Duncan, Edo Bouman, Rajesh Devraj; Taschen Verlag, 2010




