Brummen und Rauschen
Prof. Hugo Fastl über Sounddesign
Geräusche sind mehr als lästiges Beiwerk von Produkten und Umgebungen. Geräusche informieren den Benutzer über Art, Qualität und Betriebszustand von Geräten und vermitteln spezielle Atmosphären. Gezielte Geräuschgestaltung ist das Arbeitsfeld von Prof. Hugo Fastl von der Technischen Universität München.
BerührungsPUNKTE: Sie beschäftigen sich mit Sounddesign - auch für Räume?
Fastl: Ja, zum Beispiel in Konzertsälen spielt die gute Akustik eine entscheidende Rolle. Wir haben in München einen Konzertsaal, da hört man manchmal die S-Bahn vorbeirumpeln oder Regengeräusche - das kann einem manchen Musikabend verderben.
BerührungsPUNKTE: Mit welchen Projekten beschäftigt sich Ihr Hochschulinstitut?
Fastl: Wir erforschen Klänge für öffentliche und auch private Auftraggeber. Im Auftrag des japanischen Hilfswerkes untersuchten wir, welche Töne sich als Warnsignale eignen. Dabei haben wir festgestellt, dass es ganz wichtig ist, zeitlich unterbrochene Tonfolgen einzusetzen. Dieses Prinzip ist international gültig. Wir kennen dies vom ICE, dieses relativ leise fiep-fiep-fiep, bevor die Tür zugeht. Bei der amerikanischen Polizeisirene, dem typischen Kojak-Signal, ändert sich zudem die Tonhöhe in einem langsamen Rhythmus. Auch dies ist sehr wirkungsvoll.
BerührungsPUNKTE: Lassen sich Produkte mit bestimmten Geräuschen besser verkaufen?
Fastl: Ja, natürlich. Für einen Elektrogerätehersteller erforschten wir das Klangbild von Staubsaugern. Den ganz leisen Staubsauger wird es niemals geben, denn dann würde man denken, er saugt nicht richtig.
BerührungsPUNKTE: Braucht man also Lautstärke, um Power zu vermitteln?
Fastl: Nein. Was zählt, ist die Klangfarbe. Hohe Frequenzen sind wichtig, um Kraft auszustrahlen - das nennen wir akustische Schärfe. Wenn man dies wiederum übertreibt, klingt es zu aggressiv. Der zweite Fachbegriff ist die akustische Rauigkeit, dies bedeutet, das die Klangqualität eines rollenden R dazukommt. Das klingt dann sportlich, eben etwas aggressiver im positiven Sinne.
BerührungsPUNKTE: Diesen Sound wünschen sich wahrscheinlich die Autohersteller?
Fastl: Die Autoindustrie arbeitet sehr intensiv an der Klangfarbe ihrer Produkte. Allerdings wird hier strikt zwischen Zielgruppen getrennt. Zwischen Sportwagen und Luxuslimousinen besteht ein großer Unterschied. Aber beispielsweise muss eine Autotür leise ins Schloss fallen, um den Eindruck von Solidität zu erwecken. Da wird dann über eine bestimmte zeitliche Abfolge der Schließmechanismen an dem Geräusch gearbeitet. Wir sind zuständig dafür, das ideale Geräusch für ein Produkt festzulegen. Wir erforschen dies wissenschaftlich mit Versuchspersonen und legen daraufhin ein Zielgeräusch fest. Dieses dann zu erzeugen, ist Aufgabe der Ingenieure der Hersteller.
BerührungsPUNKTE: Wird das Sounddesign in Zukunft einen größeren Stellenwert bekommen?
Fastl: Ich denke, ja. Die technischen Daten von Produkten werden sich immer ähnlicher, da gibt es oft kaum echte Unterscheidungsmerkmale. Es kommt darauf an, ein gutes Gefühl zu vermitteln. Dabei zählt dann auch der Klang: Wie hört es sich an, wenn man eine bestimmte Bierflasche öffnet oder wenn man in einen Cräcker beißt. Es gibt überhaupt wenig Dinge, bei denen der Klang keine Rolle spielt...
BerührungsPUNKTE: ... auch in Gebäuden?
Fastl: Ein ganz einfaches Beispiel: In Klassenzimmern ist der Geräuschpegel oft so hoch, dass Schüler sich kaum konzentrieren können und die Lehrer echter Lärmbelästigung am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Hier hilft schon absorbierendes Material als Schalldämmung. In Großraumbüros gibt es auch das generelle Problem, dass ein wenig Privatheit und Ungestörtheit am einzelnen Arbeitsplatz erzielt werden muss, damit sich die Angestellten wohl fühlen. Man kann störende Geräusche mit Geräuschen bekämpfen, indem man kontinuierlich leise Schalle einspielt. Für Großraumbüros fanden Klangtechniker ein ganz einfaches Hilfsmittel: Sie runden die Kanten an der Klimaanlage nicht mehr ab. Dadurch entsteht ein kaum wahrnehmbares, dauerhaftes Strömungsgeräusch, das die störenden Gespräche in den Hintergrund drängt. Interessanterweise nehmen die täglich damit konfrontierten Angestellten dieses Dauer-Strömungsgeräusch überhaupt nicht wahr, es sei denn, die Klimaanlage wird plötzlich abgeschaltet. Nach dieser Stille empfinden alle das Dauergeräusch als störend. Dies ist der Grund, dass solche präparierten Klimaanlagen nur an Wochenenden gewartet werden.
BerührungsPUNKTE: Wird unsere Welt lauter oder leiser werden?
Fastl: Durch Vergabe von Umweltengeln etc. werden die einzelnen Produkte leiser. Mit solchen ausgezeichneten Rasenmähern darf beispielsweise auch in den Abendstunden gearbeitet werden. Das Dilemma besteht darin, dass immer mehr Autos und Flugzeuge unterwegs sind. Nach den derzeitigen Begrenzungen dürften, wenn ein Flugzeug um 10 Dezibel leiser fliegt, rein physikalisch gerechnet, zehn mal soviele Flugzeuge starten. Es kann hier nur mit strengeren Vorschriften etwas geändert werden, letztlich auch mit Nutzungsbeschränkungen. Aber das ist wohl politisch nicht durchsetzbar.
BerührungsPUNKTE: Welchen Sound würden Sie gerne noch verbessern?
Fastl: Was mich ärgert, ist die immer noch schlechte Sprachqualität von Telefonen. Ganz schlimm finde ich die kaum zu verstehenden Durchsagen in Flugzeugen. Dabei wäre dies technisch sehr leicht lösbar.
BerührungsPUNKTE: In der Süddeutschen Zeitung war bereits über Ihren speziellen Lieblingssound zu lesen: Bayrische Volksmusik!
Fastl: Ja, aber die echte! Ich spiele Hackbrett bei den »Sendlinger Musikanten«. Da ist die Lautstärke dann angemessen.
Prof. Dr.-Ing. Hugo Fastl ist Professor an der Technischen Universität München, Lehrstuhl Mensch-Maschine-Kommunikation, Arbeitsgruppe Technische Akustik.
Hörbeispiele zum Thema unter: www.mmk.e-technik.tu-muenchen.de/persons/fas.html


