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Grenzen erkennen

Expedition Stahl. Abenteuer in alter Gießhalle.

Wie kann man das Thema Erlebnis fassen, ohne selbst etwas zu erleben? Mike Schumacher, seit zehn Jahren vom Sport entwöhnt, stieg für BerührungsPUNKTE in die Klettergurte und machte sich auf zur Expedition Stahl. Schwindelerregendes Abenteuer im stillgelegten Stahlwerk. Hier sein Bericht.

»Zechen, Schächte und Fördertürme erwarten mich. Ich bin auf dem Weg zu einem Spielplatz der extremen Erlebnisse. Angst? Nein. Aufgeregt, angespannt. Werde ich es schaffen? Die ältesten Klamotten, Turnschuhe und Lust auf etwas Außergewöhnliches begleiten mich am Samstag Abend.
Landschaftspark Duisburg Nord. Schauplatz des Abenteuers. Hier floss das Eisen, hier glühten tausend Feuer in der Nacht. Im Hüttenwerk Duisburg- Meiderich brannten die Hochöfen 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Hier gab das Erz den Rohstoff frei. 37 Millionen Tonnen in mehr als 80 Jahren. Die letzte Schicht, 1985, war der Anfang des Landschaftsparks. Die Hütte verwandelte sich in eine weltweit einmalige Parklandschaft an einem Platz, den die Spuren harter Arbeit prägten. Junges Grün zwischen den alten Industrie- Kathedralen. Wanderwege führen durch eine bizarr verrottende Industrielandschaft.

Im Team, und doch einsam

Wir sind ein Team, aber doch ist jeder auf sich gestellt. Zusammen, aber doch einsam werden wir dieses Abenteuer meistern. Fußballer, Taxifahrer, Schornsteinfeger, Sozialpädagogikstudenten, ein 40jähriges Geburtstagskind mit Freunden und ich.
Wir legen Sitzgurte an, stellen uns dabei etwas ungeschickt an. Es geht los. Zwischen alten Hochöfen erklimme ich eine senkrechte Außenwand, eine löchrige Backsteinmauer aus alten Stahlwerkstagen. Einer nach dem anderen steigt in die Wand. Immer wieder müssen die Haken an den Stahlseilen in das nächste Seil umgehakt werden. Es macht Spaß, ich könnte noch viel höher klettern, aber das erste Ziel ist erreicht. Durch ein Loch in der Mauer steige ich in die alte Halle ein.
Wow! Brennende Fässer und gut platzierte Strahler verschaffen eine spannende Atmosphäre. Unter mir Dunkelheit, Stahl, flackernde Lichter. Die wackelige Hängebrücke, »Art of Balance«, 12 Meter hoch, wird die nächste Herausforderung. Vertrauen können ist eine Lektion von vielen, die ich hier erfahre. Vertrauen in das Material, auch wenn jede zweite Sprosse fehlt, manchmal noch mehr. Die ersten Schritte. Wackeln. Schaukeln. Am Stahlseil festhalten. Balancieren. Herzklopfen. Immer in die Mitte treten. Nach unten sehen. Alles schwarz. Nur einige fackelnde Lichter lassen mich die Höhe erahnen. Nach ersten Schwierigkeiten geht es plötzlich einfach und ich habe die Distanz von 30 Metern geschafft.
Es geht vorbei an alten Schaltkästen, Hebeln, Rohren, noch ein paar Etagen höher. Ganz andere Gedanken: Wer hat hier wohl jahrzehntelang gearbeitet?

Zwischendurch immer wieder ein Blick auf die grandiose Architektur des alten, verkommenden Hüttenwerks, von den Strahlern eindrucksvoll in Szene gesetzt. Der dunkle, wolkenverhangende Duisburger Abendhimmel bietet eine atemberaubende Kulisse. Leichter Nieselregen lässt auf diesem Weg nicht erkennen, wem Angstschweiß von der Stirn perlt oder wer einfach nur nass geworden ist.

Wackeln. Wackeln. Meine Kräfte reichen nicht.

Trigger Walk. Das schwierigste Hindernis in diesem Parcours. Wir haben eine Höhe von knapp 25 Metern erreicht. Mehrere Seile hängen von der Decke, an deren Ende eine Art Steigbügel hängt, mit Brettchen statt Metallsteg. Weiter hinten noch ein langer Balken an zwei Seilen und dann erst wieder »sicherer Boden« auf einem freien Stahlträger. Okay, ich gehe es an. Durchatmen. Noch einmal durchatmen. Los. Über ein Geländer steige ich auf ein Rohr, hake mich wieder mit den beiden Karabinerhaken im Stahlseil ein, fange mit dem rechten Fuß das erste Seil und stelle meinen Fuß in den Bügel, lasse mich hängen und versuche meinen linken Fuß ebenfalls auf das Brett zu bekommen. Geschafft. Rechter Fuß heraus und das nächste Brett mit dem Fuß angeln. Kräftezehrend suche ich mir den Weg zur anderen Seite. Das Wackeln will nicht aufhören. Meine Kräfte lassen nach. Der Bürojob macht sich bemerkbar. Ich bin realistisch. Meine Kräfte reichen nicht für diesen Weg. Ich gehe zurück. Nach mir macht sich ein Fußballfan auf den schwierigen Weg. In den Seilen hängend gibt er den aktuellen Tabellenstand durch, inklusive Torverhältnisse. Ich staune über soviel Lockerheit.

Unter dem Dach der Gießhalle nehme ich den Parcours wieder auf. Die Strickleiter habe ich verpasst. Und wieder ein Blick nach unten. Noch mehr Höhe, die kaum wahrnehmbar ist. Lichter blenden mich. Aber die Zuschauer können mich gut sehen. Rufe hallen durch die große leere Halle, unverständlich. 30 Meter hoch stehe ich in einer Ecke und gehe wie ein Seiltänzer auf einem Stahlträger, der nicht einmal die Breite eines Schuhs hat. Schnell merke ich, dass Festhalten am Seil über mir ein Fehler ist. Einfach Schritt für Schritt gehen, die Hand locker um das Stahlseil. Für alle Fälle.

Jemand anderem vertrauen? Panik!

Dann geht es Meter für Meter an der Wand entlang. Meine Füße finden wenig Platz auf dem backsteinschmalen Stahlträger, meine Hände greifen in die Löcher alter Eternit-Platten. 30 Meter trennen mich nun nur noch von dem Ausstieg der besonderen Art: Einem »Rope Down« zurück auf den Boden. Vor mir ist wieder der Fußballfan. Am Seil hängen, selbst alles kontrollieren, das schaffte er spielend und plaudernd. Aber jetzt hat ihn die Panik im Griff. Er muss einem anderen vertrauen, der ihn abseilt. Er schreit, zittert. Lässt dann doch los.
Mein großer Moment: Einhaken, langsam sinken lassen, den Sitzgurt spüren, kein Problem! Dann fallen lassen, zwei Meter freier Fall rückwärts. Ich hänge im Gurt und gleite langsam zu Boden. Plötzlich Boden unter den Füßen. Ich habe es geschafft. Aushaken.
Und wenn im Oktober 2002 der neue Parcours aufgebaut ist, bin ich wieder dabei. Expedition Stahl. Eine Expedition zu den Grenzen des Mutes. Ein Erlebnis, in dem ich erfahre, was wirklich in mir steckt und das ich nie in meinem Leben vergessen werde.

www.power-ruhrgebiet.de/flash/expeditionstahl