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Shopping-Malls: Sehen und Gesehenwerden

Erlebniswelten gegen die drohende Verödung der Innenstädte

Die Revolution, welche die Massenverbreitung technischer Geräte mutmaßen ließ, fand nicht statt: Das Radio hat nicht das Konzert ersetzt, Telefon und Telefax haben nicht das persönliche Gespräch verschwinden lassen. Auch die tiefgreifenden Veränderungen städtischen Lebens, die uns mit dramatischer Eindringlichkeit angekündigt worden waren, haben uns über ein bestimmtes Maß nicht ergriffen. Es verändern sich die Lebensweisen der Menschen, nicht aber ihre Grundbedürfnisse.

Wir bewegen uns mit dem Wagen fort, aber auch zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wir arbeiten zu Hause, aber natürlich auch und vor allem im Büro. Wir kaufen im Supermarkt ein, aber auch - und mit zunehmenden Vergnügen - im kleinen Laden um die Ecke. Wir verbringen einen Teil unserer Freizeit in den eigenen vier Wänden, verzichten aber durchaus nicht darauf auszugehen. In unseren Wohnungen spielen sich neue Lebensformen ebenso ab wie traditionelles Familienleben. In unseren Städten bestehen die unterschiedlichsten Gruppierungen und Milieus, weitgehend gleichberechtigt nebeneinander.

Neuer Gebrauch der alten Stadt

Neue Lebensweisen erfordern einen anderen Gebrauch der »alten« Stadt, regen vielleicht auch zur Schaffung neuer Stadtteile an: mit anderen Straßen, anderen Plätzen, anderen Häusern, anderen Stadtparks als jenen, die wir aus der historischen Stadt kennen. Doch neben solchen neuen urbanen Räumen braucht der moderne Menschen auch traditionelle Stadträume, um dort das zu tun, was er seit Jahrhunderten und Jahrtausenden getan hat: flanieren, verweilen, betrachten, sich zur Schau stellen, anderen begegnen, sie ansprechen, sich austauschen - Bedürfnisse, die so alt sind wie die Straßen und Plätze, auf denen sie ausgelebt werden.
Die drohende Verödung der Innenstädte und die damit einhergehende Notwendigkeit zur Neubelebung als Dauerthema zeitgenössischer Stadtplanung ist aktuell wieder im Gespräch. Zentraler Parameter in beiden Fällen ist der Handel. Dessen Abwanderung auf die »grüne Wiese« infolge der stadtplanerisch begründeten Stadtflucht der Einwohner in die Schlafstädte ist wesentlicher Verursacher der Misere, dessen Rückorientierung soll die Attraktivität der Innenstadt wesentlich erhöhen. In der Tat bieten sich hier nicht nur für den Handel neue Chancen: in Form von »Urban Entertainment Centern« auf innerstädtischen Brachflächen, quasi in die Stadt geholte »Grüne Wiesen« auf alten Post-, Bahn- oder sonstigen -geländen oder in Form von Themen- oder Erlebnisgalerien an etablierten Kaufhausstandorten.

Fast vergessen: Die Handelskultur

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung fragte unlängst nach Trends und Möglichkeiten zur Wiederbelebung urbaner Strukturen. Wir besinnen uns auf gewachsene Urbanität, auf Kommunikation, auf Atmosphäre und Stadtgestaltung. Wir kaufen wieder in der Stadt. Sie zum Erlebnisraum zu verdichten, ist zentrale Aufgabe für Stadtplaner und Städtebau. Aber auch und gerade für Politiker. Es geht dabei nicht nur um schnelllebige Kulissen, sondern um eine Neudeutung des fast vergessenen Begriffs der Handelskultur. Handel ist wieder mit einer breiten Nutzungsvielfalt aus Urban Entertainment, Edutainment, Kino, Kultur und Gastronomie auszustatten, verbunden mit einer Nutzungsvielfalt für alle Altersgruppen zu jeder Tageszeit: Ziel ist es, eine authentische Alternative zu schaffen zu den virtuellen Shopping- und Entertainment-Welten der Online-Kultur, mit E-Commerce und digitalen Einkaufsmöglichkeiten.

Ehrlichkeit des Luxus. Habgier. Shopping.

Als Impulsgeber für die Stadtentwicklung gilt nach wie vor der Handel. Die Stadt bestätigt sich als Existenzgrundlage für den Handel und der Handel als ökonomische Basis der Stadt: Einkaufen ist Freizeit, oder wie sich der Architekt Rem Kohlhaas über die Ehrlichkeit des Luxus, verzweifelte Habgier und Shopping als Lebensstil in einem SPIEGEL-Interview ausdrückte: »Shopping ist eine ideale Beschäftigung.« Haben doch für ihn die wenigsten Menschen Lust und vor allem Zeit, allein zum Einkaufen irgendwohin zu fahren. Shopping ist etwas, was in den Alltag integriert wird, zum homo faber, zum homo ludens ist der homo eventicus gekommen, der Ereignis- bzw Event-Junkie. Dieser Typ braucht Orte mit starken sinnlichen Eindrücken. Architektur für den Handel muss deshalb geändertes Käufer-Verhalten, neue Formen der Warenpräsentation und städtebauliche Entwicklungen berücksichtigen. Handelsarchitektur heißt: städtebaulich Position beziehen, Zeichen setzen. Den Konsumenten einladen in die Stadt, ihn wieder zum Flaneur machen. Ihm imponieren mit jener Sinnlichkeit, die einst das Warenhaus der Jahrhundertwende als »Kathedrale der Neuzeit« ausstrahlte - zeitgemäß gedeutet als anregendenes Einkaufsambiente. Mit Echtheitsgarantie. Orte mit einer Aura des Nicht-Alltäglichen. Dass Architektur eine Schlüsselrolle dabei zukommt, belegen etwa die Architekten Gottfried Böhm, Renzo Piano und Richard Meier mit ihren Häusern für Peek & Cloppenburg in Berlin, Köln und Düsseldorf, aber auch die Architekten Herzog de Meuron mit ihren Fünf Höfen in München.

Die Stadt bleibt in ständiger Veränderung.

Sie muss für alle Bevölkerungsgruppen und Bevölkerungsschichten interessant, identifikationsfähig sein und sie darf nie als fertig begriffen werden, nie endgültig sein. Schmückende Fassaden und Center-Management nach amerikanischem Vorbild alleine locken heute keine Besucherscharen mehr an. Menschen müssen wieder im Vordergrund stehen, Stadt braucht deshalb Milieuqualität, wobei diese Qualität nur durch individuelle Vielfalt und Funktionsvielfalt innerhalb eines ortstypischen Rahmens zustande kommt.

Qualitative Aspekte sind dabei die Atmosphäre, der Charakter der baulichen Umgebung, die renovierten Bauten, die Dichte, die spezifische Identität des Ortes. Licht, Weite, Großzügigkeit, Luftaustausch sind für Deutschlands Kaufhausprotagonisten Rhode Kellermann Wawrowsky (RKW) Leitmotive der »Renaissance der Warenhäuser«. Ihr jüngstes Beispiel - und mit dem internationalen MIPIM Award ausgezeichnet - das Themenkaufhaus SEVENS an der Düsseldorfer Kö, dessen Kernstück ein großzügiger, glasüberdeckter Luftraum bildet, der sich über sieben Ebenen nach oben aufweitet, das »neue Standards im Shopping Center Design setzt, und,« so die Jury, »eine gekonnte Verbindung von Erlebnis- und Lifestylewelten herstellt, die Einkaufen dort zu einem Freizeiterlebnis werden ließe«.

Rennaissance des Kaufhauses

Das Kauferlebnis dabei, also die Inspiration und Animation des Kunden durch effektvolle Inszenierung, ist keine Neuerung der digitalen Gesellschaft. Es findet vielmehr seinen Ursprung in einer Zeit der Hochblüte der Warenhäuser und einer auf das höchste verfeinerten Verkaufskultur, die in den neuen glasüberdeckten Passagen und Kaufdomen ihre Wiederbelebung findet. Architektur kann den baulichen Rahmen schaffen und Bühne für Produkt und Käufer gleichermaßen sein. Unabhängig von den stadträumlichen und bildlichen Qualitäten, welche der Handel in Zukunft wieder zu seinem Vorteil darstellen wird, ist es für den Planer eine einzigartige Chance, den Architekturauftritt Handel nachhaltig zu entwickeln.

Entwurfsarbeit bei Warenhäusern muss heißen, lebendige Häuser mit starken Innen-Außen-Beziehungen zu schaffen. Architektur von Warenhäusern, gerade in Städten, bedeutet nicht nur, auf »Theme Retailing« und auf wandelndes Konsumentenverhalten zu reagieren, vielfältige Einblicke und Ausblicke, spektakuläre Raumerlebnisse zu schaffen oder eine Bühne zu bieten für Sehen und Gesehenwerden; es heißt auch, gerade bei weit über unsere Städte prägnanten Visitenkarten architektonisch und städtebaulich Position zu beziehen, Zeichen zu setzen.

Modernität in der Provinz

Dass dies nicht nur in den Metropolen Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, München, gelingen kann, sondern auch in der sogenannten »Provinz«, das haben die Architekten Ingenhoven Overdiek und Partner für Karstadt mit ihrem Warenhaus in Eschwege bewiesen, einer gerade in seiner Modernität wegen seiner kongenialen Einfügung in das historische Stadtbild mit einem BDA-Preis ausgezeichnet wurde. Oder RKW für Karstadt mit ihrem »Anger 1« in Erfurt, dessen Mall einer inszenierten Dramaturgie von sich abwechselnder Enge und Weite folgt und deren Wege sich in einer großen, überdachten Rotunde treffen, die Tageslicht bis in das Untergeschoss fallen lässt: Für die »exzellente Renovierung und Sanierung eines Warenhauses innerhalb eines historischen Stadtzentrums« mit dem internationalen ICSC-Award augezeichnet.

Es gibt genügend beeindruckende Beiträge, um vor dem Hintergrund der bewegten Vergangenheit von Einkaufszentren und der innerstädtischen Entwicklung, angefangen von der Verkehrsplanung bis hin zur Integration neuer Funktionen und Berücksichtigung städtebaulicher Belange, den Blick für zukünftige Anforderungen zu schärfen. Es wird schon vereinzelt beispielhaft aktive »Citypolitik« betrieben: Gestaltqualität und Funktionsfähigkeit des öffentlichen Raumes bestimmen schon mancherorts ganz wesentlich den Erfolg privater Modernisierung und Neugestaltung. So kann das Flanieren wieder Freude bereiten.

Autor: Dr. Jan Esche