»Was hat Sie in letzter Zeit besonders berührt,...
...Henri Ritzen?«
Mit einem extrovertierten Design-Projekt setzte das Rotterdamer Studio Dumbar in seiner Heimatstadt eine Marke: Das neue Bürogebäude der niederländischen Telefongesellschaft KPN Telecom ist mit dem größten Display der Welt ausgestattet. Wir sprachen mit Henri Ritzen, Managing Director des Studio Dumbar, über das Projekt, Visionen und berührende Momente.
BerührungsPUNKTE: Sie haben für das neue Bürogebäude der KPN in Rotterdam das größte Display der Welt entwickelt. Wie kam es zu der Idee?
Ritzen: Es war der Wunsch von Architekt Renzo Piano, das Gebäude »sprechen zu lassen«. Eine Videowand lag auf der Hand, war jedoch budgetmäßig viel zu ehrgeizig. Hinzu kommt, dass eine Videowand die Sicht der Mitarbeiter nach draußen unmöglich macht und kein Lichteinfall nach drinnen stattfinden kann. Mit Bezug auf die von uns entwickelte Corporate Identity von KPN Telecom haben wir die Markenzeichen auf Outlets und in den Büros auf subtile Weise an die Architektur anknüpfen lassen. Lose grüngefärbte Elemente, die sich direkt von dem Markenzeichen von KPN Telecom ableiten lassen, bildeten ein typisches Bild in der nationalen und internationalen Landschaft des Unternehmensstils. Wir übernahmen 1999 die graphische Gestaltung einer dreihundert Meter langen Shopping Mall, auch in Rotterdam. Hier wurden 27.000 kleine Kartons hergestellt, 5 x 5 Zentimeter, gefüllt mit LED`s. Die Kartons wurden an der Vorsatzwand des Gebäudes befestigt und mit einem Computer verbunden. Wir besaßen die Erfahrung, aber mit KPN Telecom hatten wir einen Auftraggeber, der auch inhaltlich die Verantwortung für Qualität übernehmen wollte.
BerührungsPUNKTE: Welche Intention hatte der Auftraggeber? Welche Philosophie haben Sie verfolgt?
Ritzen: KPN Telecom ist ein Telekommunikationsunternehmen. Kommunizieren ist ein extrovertiertes Faktum. Viele Bürogebäude, auch wenn sie von guten Architekten entworfen wurden, lassen eine bestimmte bildliche Transparenz vermissen und sind introvertiert. Was geschieht in dem Gebäude? Was bedeutet das Gebäude für uns, Mitarbeiter und Passanten? KPN Telecom hatte die klare Absicht und Ambition, das Gebäude als Landmarke in einer Stadt am Fluss funktionieren zu lassen. Gerade wegen der Lage des Gebäudes, - man kann von weitem das Gebäude sehen, wie es sich in dem Fluss spiegelt, der sich seinen Weg durch die Stadt gebahnt hat -, waren wir uns sofort des gesellschaftlichen Kontextes bewusst.
BerührungsPUNKTE: Welche Rolle spielte die Technik bei diesem Projekt?
Ritzen: Die Lampen mussten maximalen Brennstunden entsprechen, einfach, weil der Austausch einer Lampe ein einschneidendes Ereignis ist. Außerdem mussten die Lampen ihre lange Lebensdauer auch noch unter den Umständen
des schnellen Ein- und Ausschaltens unter Beweis stellen. Die Fensterputzanlage musste z.B. von oben nach unten passieren können.
BerührungsPUNKTE: Das Display zeigt bewegte Bilder in einem gigantischen Format. Diese Animationen bestimmen weithin sichtbar die Optik eines ganzen Stadtteils. Wo doch sowieso schon überall Neon gegen Neon anleuchtet: Brauchen wir solche optischen Erlebnisse in der Stadt?
Ritzen: Das, was die Menschen und ihre Stadt nicht benötigen, ist die soundsovielte nicht-innovative Werbung. Gerade jetzt in dieser Zeit können Unternehmen sich mit neuen Kommunikationsformen verbinden. Innovation, die zu einem Kommunikationsmittel führt, das gleichzeitig die Dynamik einer Stadt (wie Tag/Nacht, schnell/langsam, neu/Tradition) unterstreicht oder wiederspiegelt und die Mittel besitzt, auf einfache Weise den Inhalt der Botschaften anzupassen und ihre Häufigkeit zu bestimmen.
Das Spannende für die Stadt ist, dass selbst Sekunden vor Beginn eines Programms niemand erwarten kann, was gezeigt wird. Ich bin sehr gespannt auf die Entwicklung der Qualität, sowohl visuell als auch inhaltlich. Was geschieht mit dem Medium? Sind wir bald so weit, dass wir das Medium interaktiv als Sprachrohr für die Bewohner oder Einrichtungen einer Stadt einsetzen können? Technisch ist das bereits so, sind wir jedoch schon so weit? BerührungsPUNKTE: Sie haben Ihren Beitrag zu dem Gebäude als Designer entwickelt, nicht als Architekt. Gleichzeitig bestimmt Ihre Gestaltung der kompletten Hauswand (zudem an prominenter Stelle) wesentlich die Architektur des Gebäudes. Wie haben Sie die Kooperation mit den Architekten empfunden und erlebt? Gab es Konflikte? Ritzen: Im Gegenteil, ich habe häufig Rücksprache mit Renzo Piano und seinen Mitarbeitern gehalten. Die konstruktive Atmosphäre ist auch dem Auftraggeber zu verdanken, der nicht in Vorgaben und Bestimmungen gedacht hat.
Die interne Immobilienfirma von KPN Telecom hat in jeder Hinsicht Mut bewiesen und uns und dem Architekten einen Anreiz gegeben. Das Piano-Büro hat die Lampen im Detail ausgearbeitet, nachdem Form, Maße und Anordnung von uns bestimmt worden waren. Die Kommunikationswand mit grünen Blöcken hatte großen Einfluss auf den Verlauf des Projekts und die Entwicklung des Gebäudes. Als es noch auf dem Papier bestand, hatten wir alles in Absprache bereits festgelegt. Piano veränderte dann die Rückseite des Gebäudes, nachdem er unseren Vorschlag für die Vorderseite gesehen hatte.
BerührungsPUNKTE: Das Display soll nicht für Werbung genutzt werden, sondern für Kommunikation zwischen der Stadt(verwaltung) und ihren Bürgern. Ist das eine neue Form der Identitätsfindung in der Großstadt?
Ritzen: Unser Vorschlag ist, es als Plattform für Designer und Künstler funktionieren zu lassen, die von KPN Telecom begrüßt werden, und die Abteilung KPN Kunst & Gestaltung hat hier Struktur hereingebracht. Reine Werbung führt zu Plattitüden. Eine Stadt kann ihre Identität durch originale und gut gestaltete Bilder zeigen. Texte sind auf dem Display schwieriger zu lesen als Bilder. Davon sind wir bei der Entwicklung ausgegangen. Bilder bleiben 'hängen' und lassen sich schneller interpretieren. Eine Stadt bestimmt ihre Identität auch durch ihre Architekturpolitik, Infrastruktur usw. Das Display ist eine der vielen Äußerungen einer Stadt. Das Sendezeitverhältnis ist vorläufig wie folgt festgelegt: 10% Werbung für Produkte und Dienstleistungen von KPN Telecom, 20% Sendezeit für die Gemeinde Rotterdam und 70% für Sendungen mit wechselnden Themen (z.B. Tanzfestival, Marathon, Filmfestival) und freie Anwendungen.
BerührungsPUNKTE: Wie ist die Akzeptanz in der Nachbarschaft? Was sagen Passanten, Nachbarn, die Stadt?
Ritzen: Rotterdam wurde als Stadt im zweiten Weltkrieg stark von Deutschland bombardiert. Der Wiederaufbau ist zwar beendet, aber das Bombardement hat noch stets großen Einfluss auf die Infrastruktur und die Baupolitik der Stadt. Die Einwohner von Rotterdam sind es gewohnt, in einer Stadt zu wohnen, die auf stolze und optimistische Weise mit Hochbau, großen städtebaulichen Projekten, qualifizierten Architekten usw. experimentiert. Es gab natürlich Widerstand von einer Minderheit. Anlässlich der Beschwerden haben wir vorgeschlagen, die Dynamik der Aufeinanderfolge der Vorstellungen und Bilder anzupassen. Mit anderen Worten: Nachts 'schläft' das Gebäude, ist die Vorstellung ruhig und langsam, während der Hauptverkehrszeiten sind die Szenen energisch. Auch in den Abendstunden wird dies durch subtile Bilder abgewechselt. Rotterdamer sind im allgemeinen stolz auf ihre Stadt und Architektur. Die Größe des Bildschirms passt zum Mut und Optimismus der einst verwüsteten Stadt.
BerührungsPUNKTE: Werden Designer und Architekten in Zukunft mehr zusammen arbeiten?
Ritzen: Dies wird immer wichtiger in dieser Informationsgesellschaft. Architekten müssen verstehen, dass Buchstaben, Beschilderungen usw keine in ihren Augen irritierenden Hinzufügungen an einem Gebäude sind, sondern von Anfang an im architektonischen Entwurfsprozess berücksichtigt werden müssen. Disziplinen sind in Zukunft immer mehr austauschbar; Grenzen verschwimmen. Architekten sind gewohnt, für die sogenannte Ewigkeit zu arbeiten, aber der Architekturberuf muss sich auf Oberflächlichkeit vorbereiten. Die Kunst besteht darin, Oberflächlichkeit qualitativ auszufüllen.
BerührungsPUNKTE: Zum Schluss noch eine sehr persönliche Frage: Was hat Sie in letzter Zeit besonders berührt?
Ritzen: Mein Großvater und Namensvetter, verstorben 1978, war Kunstmaler und im Dorf eine markante Persönlichkeit. Durch Sponsoren und Freiwillige wurde ein Buch herausgegeben und eine Ausstellung organisiert. Freunde und Familie haben jeder auf eigene Weise an dem Projekt teilgenommen, um es zu einem großen Erfolg werden zu lassen. Es hat Eindruck auf mich gemacht, dass selbst nach fünfundzwanzig Jahren das Werk und der Mensch noch stets lebendig sind und ich bin stolz auf die harmonische Zusammenarbeit in unserer Familie und mit unseren Freunden.
Interview: Beate Schwedler







