Instant Trust
Vertrauen und Normative in der Architektur
In der neuen Rubrik »Forschung« stellen wir zusammen mit Architonic aktuelle Projekte der wichtigen europäischen Architektur- Ausbildungsstätten vor. Architonic aus Zürich erforscht neue Wege der Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Architekten, Bauherren, Industrie, Hochschulen, versucht zukünftige Themen und Trends aufzuspüren und "High-Potentials" aus der Riege der jungen, innovativen Architekten zu identifizieren.
Im ersten Beitrag stellen Studenten der ETH Zürich ihre Forschungs- Projekte im Rahmen von Instant Architects Research (IAR) vor, im Herbst 2002 gegründet von den Architekten Dirk Hebel und Jörg Stollmann. Dirk Hebel arbeitete als Projektleiter für Diller & Scofidio, New York, unter anderem für das Blur Building, Swiss Expo 021. Jörg Stollmann arbeitete unter anderem bei Axel Schultes, Berlin, und im Atelier Seraji, Paris. Er unterrichtete an der Princeton University, der Tu Berlin und der UdK Berlin. Beide sind seit 2002 wissenschaftliche Mitarbeiter an der Architekturfakultät der ETH Zürich.
In einem rein wissenschaftlichen Sinne definiert man Normalität als Gaussche Normalverteilung, ein Häufigkeitsaufkommen. Alles, was sich nicht im Zentrum der größten Häufigkeit befindet, wird als das Nicht- Normale bezeichnet. In der Architektur ist es allerdings sehr schwierig, eine solche Abgrenzung zu etablieren. Daher versuchen wir den Begriff des "Vertrauten" zu benutzen, um den Strategien der Normalisierung auf die Spur zu kommen. Wir versuchen gemeinsam mit unseren Studenten einer Architektur auf die Spur zu kommen, welche die Strategien des Vertrauten und Alltäglichen benutzt, um etablierte Grenzziehungen und verbrauchte Typologien unserer Disziplin zu hinterfragen.
Bild 1:
Normal heisst, sich in eine gegebene Ordnung einzureihen, keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und unaufällig zu handeln. Es ist alles so, wie es sein sollte, normal ist das, was fast alle tun. Das Auto, das Haus und der Garten sind architektonische Statussymbole der Normalität. Nur durch Übertreibungen fällt man aus der Norm. Der unmittelbare Nachbar ist immer das Referenzobjekt. 08/16 übertreibt. Durch die Platzierung des Autos, eines VW Golf, im Mittelpunkt des Normalhauses für eine Familie mit zwei Kindern und der Reorganisation der Öffnungen des Hauses entlang der Sichtachsen des Fahrers, entsteht das Abnormale. Für uns ist das Abnormale nicht das, was nicht normal ist, sondern das, was es schafft, eine andere Normalität außerhalb des Vertrauten zu etablieren. Normalität kann nur durch die Existenz des Abnormalen erklärt werden. Wir können das Normale und Vertraute nur genießen mit dem Blick durch das Pathologische. Studierende: Flurina Gerber / Barbara Ramseier (ETH Zürich, Professur Marc Angélil)
Bild 2:
Unsere Forschungsarbeit "Sick Space Architecture" untersucht, welche Konsequenzen ein verändertes Verständnis des gesunden Körpers für die architektonische Disziplin heute hat. Die Entwicklung der modernen Architektur war eng verbunden mit den Errungenschaften der modernen Medizin. Wenn es aber stimmt, dass die idealistische, verallgemeinernde Ideologie der Moderne das ästhetische Normativ des "International Styles" hervorgebracht hat, kann dann ein heutiges Verständnis vom gesunden Körper, der es gelernt hat mit seinen Missständen, Störungen, Brüchen und Krankheiten umzugehen, neue Ideologien und Konzepte für die Architektur abseits von Idealbildern entwickeln? Dazu recherchierte jeder Studierende ein Krankheitsbild und versuchte, Störungen und Ungleichgewichte in einem bestehenden Gebäude, dem "Patienten", aufzuspüren. Dies führte zu acht Installationen im Maßstab 1:1, von denen hier eine exemplarisch vorgestellt wird:
"Clean and Dirty" ist ein Zwei-Raum in vertikaler Bewegung mit hohem Erregerumsatz – zu deutsch: zwei Aufzüge. Die absolute bakterielle Belastung ist in beiden Räumen etwa gleich hoch, Im 8,4-Sekunden-Takt entscheidet das Auge über die optische Hygiene. Die Studierenden verkleideten einen Aufzug mit einer weißen Folie, während sie im anderen auf die Verschmutzung der Oberflächen und der Atemluft hinwiesen. Die ästhetische Codierung der Oberflächen, eine weiß, eine orange, determiniert hier die gegensätzliche Wahrnehmung von zwei ansonsten identischen Raumvolumen. Zum ersten Mal wird die Frage entscheidend: "In welchem Aufzug bist du heute gefahren?" Der vertraute orange Raum wird aus seiner Normalität gerückt, die weiße Farbe als irritierendes Zeichen der Hygiene des anderen Raumes zur neuen Normalität erhoben. Studierende: Lea Berger / Johannes Rebsamen / Vadim Unger / Luisa Wittgen (ETH Zürich, Professur Marc Angélil)
Bild 3:
Seit Sommer 2000 versucht die Stadt Zürich durch eine aufwändige Öffentlichkeitsarbeit, die Initiative Sicherheit und Sauberkeit in Zürich, der Verschmutzung der öffentlichen Räume Einhalt zu gebieten. Das Motto der Aktion lautet: "Erlaubt ist, was nicht stört". Die zuständige Behörde kam zu dem Schluss, dass es ein Regelwerk braucht, um das Verhalten der Bürger und der Touristen in geordnete Bahnen zu lenken. Dabei sagt das Auftauchen des Regelwerkes auch etwas darüber aus, was nicht mehr als selbstverständliches Verhalten vorausgesetzt werden kann. Die Einwohner der Stadt sind damit für jedermann ganz offensichtlich zu einem hygienischen Problem des öffentlichen Raumes geworden.
Die Omnipräsenz der jeweils im Hochsommer auftretenden Verbotsschilder, Ermahnungen, Handzettel und Postkarten wird von der Mehrzahl der Zürcher willkommen geheißen. Das Ideal der sauberen Stadt wird also auch von denen geteilt, deren persönliches Handeln den Schmutz in die Stadt bringt. Dieses Ideal ist ein Bild. Es begegnet einem in der Stadt auf Schritt und Tritt in den spiegelnden Schaufenstern und Fassaden der Geschäftshäuser und Banken. Diese "reinen" architektonischen Oberflächen aus Glas sind jedoch mehr als nur Spiegel. Sie weisen auch auf die Fragilität städtischer Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit. Nicht umsonst verweist ein CVP Politiker auf die "broken-window Theorie" und den angeblich engen Zusammenhang zwischen Verschmutzung und Kriminalität. Die Makellosigkeit und Unvershrtheit der architektonischen Oberfläche ist der Maßstab der öffentlichen Ordnung.
Die private, vertikale Oberfläche des Geschäftshauses und die öffentliche, horizontale Oberfläche des städtischen Raumes sind seismographische und projektive Medien. Der tägliche Kampf gegen den Verfall der gesellschaftlichen und architektonischen Ordnung kann auf weniger als eine halben Quadratmeter gelesen werden.





