Architektur als Heilungsprozess?
Erinnerungsarchitektur
Auch Architektur hilft, sich zu erinnern. An Schönes, sagt man, erinnern wir uns lieber. Und an das Grauen, den Terror? Im Krieg gefallene Architektur reißt Krater, sichtbare Wunden in die Stadt. Einen Ground Zero hat jeder Ort, der durch Gewalt verwüstet wurde. Sogleich beginnt die Diskussion, was aus ihm erwachsen soll - wenn Geld für den Wiederaufbau da ist.
Im Berliner Haus der Weltkultur diskutierten im Frühjahr 2003 Intellektuelle aus Deutschland und dem Libanon über Erinnerungsarchitektur. Berlin und Beirut - bei aller Fremdheit der Kulturen entdeckt man Verwandtschaft in der seelischen Befindlichkeit. Während in Deutschland, 50 Jahre nach dem Krieg, ein regelrechter Erinnerungsboom ausbricht, und man darüber streitet, ob die Firma Degussa den Graffititschutz für das Juden-Mahnmal liefern darf, baut in Beirut ein junger Architekt einen Nachtclub mit makabrer Aura: Die Gäste sitzen auf Barhockern, die Krücken für Kriegsversehrte ähneln und tanzen auf Tischen, die Grabstellen gleichen.
Je grausamer das, was erinnert wird, desto schwieriger der Umgang damit. Oder: Je kürzer die vergangene Zeitspanne. In Deutschland ist inzwischen auch die frühere Teilung des Landes Vergangenheit. Auch hier hängt die Art und Weise der Erinnerung zusammen mit der eigenen politischen Meinung oder zumindest gesellschaftlichen Befindlichkeit.
Beirut und Berlin – beide Städte haben eine Zeit der Teilung hinter sich. Es sind zwei Beispiele für den Umgang mit der Erinnerung an Krieg und Zerrissenheit. Zwei Wege, mit dem Schrecken umzugehen, der auch in den Gebäuden sitzt.
Beirut
Hoffen auf Verständigun
Die Stadtlandschaft von Beirut ist durchgehend von den Folgen des 16 Jahre dauernden Bürgerkriegs geprägt. Nach dem Ende der Kämpfe wurden, noch ohne gesetzliche Grundlage, rund 80 Prozent der Häuser abgerissen, um Platz für einen großzügigen und modernen Wiederaufbau zu schaffen. Bei den früheren Eigentümern, aber auch bei Künstlern und Intellektuellen, stießen diese »Tabula-rasa-Aktionen« auf heftige Kritik.
Die Wurzeln des Bürgerkrieg-Dramas reichen in die Geschichte. Nach dem Angriff Syriens, Libanons, Jordaniens, des Iraks und Ägyptens 1945 auf den gerade ausgerufenen Staat Israel, flohen hunderttausende Juden aus arabischen Ländern und die meisten Araber verließen Israel. Allein nach Libanon kamen bis Kriegsende 1949 mindestens 150.000 arabische Palästinenser. Die ohnehin gespannte Situation zwischen pro-westlichen, meist wohlhabenden Christen und den panarabisch eingestellten, meist ärmeren Moslems mündete schließlich in einen 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg, der das Stadtzentrum Beiruts zu großen Teilen zerstörte.
Sandwälle versperrten den Weg ins Centre Ville
Im Verlauf von 16 Kriegsjahren hatte sich die einst pulsierende libanesische Hauptstadt verwandelt in eine von Flüchtlingen bestimmte, aufgesplitterte und von zahlreichen Grenzen durchzogene Stadt. Die Stadt war geteilt in einen von Moslems und einen von Christen kontrollierten Teil. Das Gebiet entlang der »Green line« wurde zu einem menschenleeren, unpassierbaren Niemandsland im Schussfeld von Scharfschützen. Die Bewohner der Stadtmitte und auch Banken, Versicherungen etc. verließen fast vollständig das umkämpfte Gebiet. Für die Beirutis beider Seiten endete die Stadt an großen Sand- und Steinwällen, welche die früheren Hauptzufahrtsstraßen ins Stadtzentrum absperrten. Die jüngeren Stadtbewohner kannten weder den jeweils anderen Teil der Stadt noch hatten sie ein Bild der ehemaligen Innenstadt. Die Beiruter Stadtgestaltung wird von sehr großen Erwartungen der Bevölkerung begleitet. Beirut stand in der Vorkriegszeit für die friedliche Koexistenz der verschiedenen Religionsgruppen. An Beirut wird sich zeigen, ob die Zivilgesellschaft im Libanon wieder an innenpolitischem Einfluß gewonnen hat und ob die latente Konfliktbereitschaft tatsächlich in den Hintergrund getreten ist.
Faustschläge ins Gesicht für jungen Architekten
Der libanesische Architekt Bernard Khoury hatte sich nach seinem Studium in den USA (Rhode Island School of Design und Harvard University) für den Wiederaufbau seiner Heimatstadt Beirut viel vorgenommen und wurde zunächst heftig enttäuscht. »Damals sah ich mich selbst, ein wenig naiv, als einen Architekten und Krieger, der in sein Land mit einer Mission zurückkehrt. « 16 Bauvorhaben, die alle in trockenen Tüchern schienen, wurden in letzter Minute doch abgesagt und nie realisiert. Es fehlte Geld, es fehlte eine funktionierende Infrastruktur, es fehlte eine institutionelle Politik hinter den Bauvorhaben. Khoury: »Die Architektur, wie wir sie in der westlichen Welt auffassen und studieren, gab es nicht mehr, es war eine vollkommen andere Welt. Ich brauchte Zeit und ein paar Faustschläge ins Gesicht, um zu begreifen, wie unbedeutend meine Ziele waren und was ich mir selbst durch mein kriegerisches Verhalten zu beweisen versuchte.« Bernard Khoury engagiert sich im Projekt »Evolving Stars« für einen behutsamen Umbau seiner Heimatstadt, bei dem die Wunden des Krieges nicht verleugnet werden sollen.
Der Nachtclub als militärische Anlage
Mit seinem Neubau der Beiruter Diskothek B 018 erregte er Aufsehen, es ist eine bemerkenswerte architektonische Antwort auf den Bürgerkrieg. Von außen sieht der unterirdisch gelegene Nachtclub aus wie eine militärische Anlage. Die Tische gleichen Grabstellen, mit jeweils einem Foto eines verstorbenen Musikers: Miles Davis, Um Kalthoum, John Coltrane, Mohammed Abdelwahab, Charles Mingus, Charlie Parker, Billie Holliday.
Khoury baute den Nachtclub für seinen 38-jährigen Cousin Nagi Gibrane. Für den ehemaligen Schlagzeuger, DJ und Musikfanatiker ist das B 018 die Erfüllung seines Lebenstraums. Der Name war ursprünglich die Nummer eines kleinen Studios im christlichen Osten Beiruts, in dem Nagi sich während des Krieges zunehmend in die Musik flüchtete. Erst allein und später mit Freunden drehte Nagi bei Bombardements seine Anlage so weit auf, bis die Musik das Kriegsgetöse übertönte. »Musiktherapeutische Sitzungen« nannten die Beteiligten diese Nächte.
Musik voll aufdrehen gegen Kriegsterror
Nach dem Krieg eröffnete Nagi im Niemandsland außerhalb Beiruts das erste B 018, schloss es aber wieder. Bernard Khoury schrie bei der großen Abschiedsparty, als der Whiskey schon über den Boden floss: »Wir werden ein neues B 018 aufmachen!« Khoury engagierte einen Makler, um ein Grundstück zu finden: »Das war jemand, der eine ziemlich belastete Vergangenheit hatte, vor allem zu Kriegsbeginn. Obwohl ich keine Sympathie für seine politische Meinung hatte, öffnete er die Sicht auf die Zeit 1975/76, als 20.000 Menschen in Karantina lebten, viele palästinensische Flüchtlinge und libanesische Moslems. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind an Karantina vorbeifuhr. Das Lager war damals unsichtbar, verborgen hinter einer langen Mauer. Dieser Mann hatte an dem Massaker von Karantina teilgenommen, und er erzählte mir Details.« Im Januar 1976, einige Monate nach Beginn des libanesischen Bürgerkriegs, griffen christliche Milizen das Flüchtlingslager an, massakrierten seine Einwohner und überrollten große Teile des Viertels mit Bulldozern. Der Nachtclub ist eine radikale Antwort auf das Geschehene. Bernard Khoury: »Wir feiern hier keine Party für die Massaker von Karantina, und das ist auch kein Disney des Krieges. Das Gebäude hat eine Ästhetik, die vielleicht militärisch wirkt, aber keine Ästhetik des Krieges ist oder der Zerstörung.«
»Nicht ich bin zynisch, sondern die Gesellschaft«
Die Kellner im B 018 tragen weiße Hosen und weiße Hemdjacken, die Arbeitskleidung des nur hundert Meter weiter entfernten Schlachthofs. Die bis ins Detail extreme Gestaltung des Nachtclubs nennen viele Betrachter zynisch. Auf der Berliner Podiumsdiskussion über Erinnerungsarchitektur gab Bernard Khoury seine Antwort: »Nicht ich bin zynisch, sondern die Gesellschaft, in der ich lebe, und ich bin ein Teil von ihr. Ihr seid glücklich, ihr könnt hier über Erinnerung debattieren. In Beirut könnte ich niemals einen Vortrag darüber halten, kein Mensch würde mir je zuhören, also don´t give me a fuck!«
Bernard Khoury wurde wiederholt vorgeworfen, noch immer in der Vergangenheit zu leben und den Krieg nicht vergessen zu wollen. Er selbst nennt den Wiederaufbau des Zentrums von Beirut eine »Architektur der Amnesie«. Nach Kriegsende sprengte die Aktiengesellschaft Solidere, beauftragt von der Stadt und vom Staat Libanon, große Teile des Zentrums radikal frei und ließ neue Wohnblöcke im orientalischen Stil errichten. Gegen den Protest vieler Intellektueller, die die Restaurierung der pockennarbigen, zerfressenen, aber oft nur zum Teil zerstörten Gebäude gefordert hatten, um nicht zu vergessen, um wieder öffentliche Orte für die ehemaligen Kriegsgegner zu schaffen. Ist eine »Architektur der Amnesie« seriöser als die radikale Ästhetik des B 018? Bernard Khoury sieht seinen Nachtclub als »unseriöses Projekt im klassischen Verständnis eines Architekten, der in seiner Ausbildung das hehre Ziel des Architekturwettbewerbs um nationale Kulturstätten vor Augen hat. Wir nahmen den unseriösen Charakter sehr ernst und trieben Anspielungen auf die libanesische Gesellschaft auf die Spitze. Ein verführerischer Cocktail, der erst im Nachhinein seinen bitteren Kern entblößt.«
Bernard Khoury
1968 im Libanon geboren und aufgewachsen. Wie viele seiner Generation verließ er das Land und ging 1986 zum Studium in die USA. Nach dem Bürgerkrieg kehrte er zurück und wollte in Beirut bauen.
Quellen:
Aufzeichnung der Podiumsdiskussion Berlin-Beirut, Haus der Weltkulturen Berlin, Frühjahr 2003 Das stadtgeographische Forschungsprojekt, Geographisches Institut der Universität Heidelberg Marco Casamoti, Interview mit Bernard Khoury, floornature.net





