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Berlin

Verordnetes Erinnern oder Vergessen

Berlin ist im Jahre 15 nach dem Fall der Mauer von einer ambivalenten Diskussion über das Erhalten und Vernichten von geschichtlichen Spuren in der Stadt geprägt. Einerseits entstehen Stätten des institutionalisierten Erinnerns an die 50 Jahre zurückliegenden Gräuel des Nazi-Terrors wie das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman. Andererseits werden Bauten und Spuren, die an die DDR erinnern, bedenkenlos abgeräumt oder teilweise zu »ostalgischen« Kultobjekten überhöht, wie die Berliner Mauer oder der Palast der Republik.

Keine Stadt in Europa hat sich in den vergangenen 15 Jahren so elementar verändert wie Berlin. Aus einer geteilten Stadt wurde über Nacht eine Metropole mit 3,4 Millionen Einwohnern und der Größe des Ruhrgebiets. Aus der »Hauptstadt der DDR« plus einer eingemauerten Insel ohne Hinterland wurde eine internationale Drehscheibe mit wichtiger Schnittstellenposition zwischen Ost und West und vor allem das Zentrum der politischen Macht in einem wiedervereinigten Deutschland. Diese dramatischen und mit enormem Tempo vorangetriebenen Veränderungen haben im Stadtbild ihre Spuren hinterlassen. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, welche Spuren der jüngeren Geschichte dem Bauboom und Erneuerungswahn zum Opfer gefallen sind.

»Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört«

Mit diesem berühmten Satz feierte Willy Brandt den Fall der Mauer im November 1989. Sie musste weichen, damit die beiden Hälften der Stadt zusammenwachsen konnten. Das markanteste Bauwerk der Stadt ist fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Heute markiert nur eine Doppelreihe Pflastersteine im Asphalt noch ihren Verlauf. Das Bauwerk, das Familien und Freunde für Jahrzehnte trennte, liegt heute verstreut in den Regalen von Souvenirjägern, ist verkauft in die Museen in aller Welt oder verschrottet auf Berliner Deponien. Von den wenigen erhaltenen Abschnitten zeigen zwei charakteristisch den Umgang der Gesellschaft mit der Geschichte ihrer Stadt. An der Oberbaumbrücke steht das heute vielleicht bekannteste 1,3 Kilometer lange Teilstück der Mauer: als East-Side-Gallery mit Motiven internationaler Künstler bemalt, mutiert das brutalste Bauwerk der Stadt hier zum poppigen Kultobjekt. Für viele Berlinbesucher gilt diese bunte Wand als das gesuchte, bekannte Bild der seinerzeit auf Westseite mit wilden Graffitis besprühten Mauer. Nur die wenigsten jedoch realisieren, dass sie hier gerade im Todesstreifen auf der Ostseite der Mauer stehen, die zu DDR-Zeiten nie mit Bildern versehen war. Ein fahrlässiger, zumindest nicht unbedenklicher Umgang mit solch einem Monument.

Graffitis hätte es auf der Ost-Seite nicht gegeben

Ganz anders an der Bernauer Straße: Dort steht die offizielle Mauergedenkstätte, mit Fingerspitzengefühl inszeniert von den Stuttgarter Architekten Kohlhoff und Kohlhoff. Ein nüchterner Ort, der an die Suggestionskraft des Betrachters appelliert: Eingefasst von rostigen Stahlwänden erstreckt sich ein nicht betretbares Feld. Hier steht das Bollwerk unnahbar, auch heute noch Schrecken verbreitend. Und gegenüber das Dokumentationszentrum, das zum Pflichtbesuch für jeden Berliner und Berlinbesucher zählen sollte, in dem Geschichte und Geschichten der Teilung erzählt werden.

Tendenz zum Verdrängen der jüngeren Geschichte

Es scheint jedoch eine Tendenz des Verdrängens zu geben, die insbesondere die jüngere Geschichte der Stadt betrifft. Sie manifestiert sich in der Umbenennung von Straßen, Plätzen und Bahnhöfen ebenso wie im Abriss von Bauten einer Zeit, die man so schnell wie möglich vergessen machen möchte. Dass diesem Prozess auch bemerkenswerte Beispiele der DDR-Baukultur zum Opfer fallen, zeigte jüngst das berühmte »Ahornblatt« genannte Restaurant des Ingenieurs Ulrich Müther. Für den Erhalt dieses kunstvoll gefalteten Betonschalenwerks an der Fischerinsel setzten sich Architektenkammern und Denkmalschützer vergeblich ein. Der ökonomische Druck war größer. Heute steht am selben Ort unspektakuläre Investorenarchitektur für Büros und Hotels – doch immerhin ein zeitgenössischer Stadtbaustein in einer sich rasant erneuernden Stadt.

Palast der Republik? Oder Schlosskopie?

Weit kuriosere Blüten treibt die Diskussion um den Palast der Republik. Ganz ohne ökonomische Perspektiven gibt es seit Jahren eine weit über die Stadt hinaus greifende Debatte über dieses mächtige und symbolträchtige Gebäude im historischen Zentrum Berlins. Für die einen ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte, ist das Haus für die anderen nur noch ein Schandfleck. Die Diskussion um den Abriss wird überlagert durch die Frage nach dem danach. Manche Propagandisten ersehnen sich hier die inhaltsleere Attrappe der Fassade des Berliner Stadtschlosses zu errichten, das einst an diesem Ort stand und im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Die Gegner einer Schlosskopie jedoch kritisieren daran, dass mit einem solchen Abziehbild der Geschichte Geschehenes vergessen gemacht und eine selbstbewusste und selbstkritische zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem, was war, verhindert würde. Die Stadt würde so zum beliebigen Puzzlespiel formaler Versatzstücke historischer Epochen, für die sich gerade Mehrheiten finden ließen, jedoch nicht zum gebauten Ausdruck einer modernen Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Die Argumente sind ausgetauscht. Doch solange es keinen Investor und keinen konkreten Inhalt für dieses Gebäude gibt, scheint die Idee hier im Herzen der Stadt zunächst einen großzügigen temporären Park anzulegen, noch die Überzeugendste zu sein.

Nötig: Werte-Debatte über Qualität des Originals

Im Zusammenhang mit Palast der Republik und Berliner Stadtschloss wird sichtbar, wie wichtig es ist, nicht nur eine formale Debatte zu führen über Stile, Kopien oder Rekonstruktion, sondern eine Werte-Debatte über die Qualität des Originals. Einer, der dies meisterhaft verstanden und vor Augen geführt hat, ist der Architekt Egon Eiermann, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Sein Entwurf für die Kaiser-Wilhelm Gedächtnis-Kirche in Berlin (1957-63) ist bis heute beispielhaft für den lebendigen Umgang mit einem Mahnmal. Der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirchenbau wurde als Ruine erhalten, der Stumpf des Kirchturms ergänzt durch einen modernen Turm und einen neuen Versammlungsraum. Dieses Ensemble macht Schichten und Ge-Schichten ablesbar. Ein gelungenes Beispiel für gelebte statt verordnete Erinnerung in der Stadt.

Weitergabe des Feuers, nicht der Asche

Manche Erinnerung freilich ist schmerzhaft. Aber der Gesellschaft ist mit Verleugnen, Verdrängen und Vergessen nicht gedient. Im selbstverständlichen Umgang mit den Spuren einer Stadt liegt eine besondere Qualität. Eindrucksvoll belegt dies die vom Deutschen Werkbund Berlin initiierte Ausstellung »Ost-Moderne«, die im Mai in Berlin eröffnet wird. Sie zeigt Bauten der Nachkriegsmoderne in Ost-Berlin - sachlich und jenseits von kitschiger Ostalgie-Romantik. Die Stadt selbst ist das beste Erinnerungsmedium, das wir haben. Wenn der Stadtgrundriss als das Gedächtnis einer Stadt ernst genommen wird, dann ist Erneuern und Erinnern gleichzeitig möglich. Dann gilt, was Karl Kraus einst so treffend formuliert hat: »Tradition ist die Weitergabe des Feuers - nicht der Asche«.

Autor:
Jan R. Krause
Architekturvermittler, lehrt Architektur und Media Management an der FH Bochum,lebt und arbeitet in Berlin. Mitglied im Vorstand des deutschen Werkbunds Berlin.