Kreativität zwischen Verzweiflung und Glück
Ute Fritzsch aus Bautzen
Den Charme alter Gemäuer zu erhalten, sie für den neuen Zweck ästhetisch und funktional nutzbar zu machen, ist das Anliegen von Ute Fritzsch. Sie will nicht historisieren, wie es einige Denkmalpfleger und Handwerker verstehen und nicht modernisieren, wie es »die unsensiblen Ökonomen predigen«.
Bei jedem Gebäude eine harmonische Verbindung von Bestand und neuer Nutzung zu finden, dieser Anspruch erfordert für Fritzsch oft »endlose Gespräche« mit den jeweils beteiligten Präsidenten, Pfarrern, Gemeindemitgliedern oder Geschäftsführern.
Ute Fritzsch, Jahrgang 1941, wurde in Ostdeutschland, in Bautzen geboren. Nach dem Abitur und einer Lehre zum Werkzeugmacher ging sie zum Studium an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Sie arbeitete freischaffend in Berlin, für die Industrie, im Auftrag des damaligen Amt für Industrielle Formgestaltung. Später bekam sie in Frankfurt/Oder Aufträge von Stadt und Kirche zur Ausstattung öffentlicher Räume. Seit 1990 unterhält sie ein IABüro in Bautzen, empfindet sich dabei als »Einzelkämpferin«. Sie studierte zu DDR-Zeiten in Berlin-Weißensee Industrieformgestaltung, also Design, und rutschte über ihre konkreten Aufträge in die Innenraumgestaltung.
Allerlei Kompromiss beim Industriedesign
»Der Prozess des Industriedesigns ist langwierig und durch allerlei Kompromiss in der technischen Umsetzung gekennzeichnet,« sagte sie in einem Gespräch mit dem Berliner Architekturkritiker Wolfgang Kil, »bei meiner jetzigen Arbeitsweise kann ich mir die Themen aussuchen, wenn auch die Realisierungsprobleme nicht geringer werden. Aber Kreativität entsteht an der Grenze zwischen Verzweiflung und Glück.« Sie nutzte die Freiräume, die sich in der DDR boten und entwarf z.B. einen Schaumstoff-Baukasten für Kinder, der allerdings nie serienmäßig hergestellt wurde. Bis in Serie schaffte es ihr Leuchtenbaukasten. Mit handwerklich produzierten Kleinserien brachte sie Design in Foyers, auf Straßen und Plätze der DDR. Der Mangel zu DDR-Zeiten hat Kreativität freigesetzt. Diesen Satz hörte man häufig, auch von Ute Fritzsch. Dennoch: Bei ihr ist weder »Ostalgie« noch Jammerei herauszuhören. Ihre Kreativität ist konkret zu begreifen.
Ein Laden für Erlebnis und Träume
Heute arbeitet sie insbesondere an der Restaurierung und neuen Innengestaltung von historischen Gebäuden. Ihr jüngstes Projekt: In dem Fürst- Pückler-Park Bad Muskau sollte der »Blaue Garten« eingerichtet werden, ein Laden für »Information, Erlebnis und Träume«. Ute Fritzsch traf auf einen nüchternen Raum mit langweiligem Ambiente. Sie verwandelte die leere Hülle in eine Bühne. Das Ziel: eine Vermischung von Innenarchitektur, Produktangebot und Information über die Geschichte des Ortes. Ein ganz anderes Projekt: Die Sanierung und Neugestaltung der Trauerhalle der evangelischen Gemeinde in Elstra. Trotz des traurigen baulichen Zustands des Baukörpers entdeckte Ute Fritzsch ein hervorragendes Gestaltungskonzept mit Besinnung auf das Notwendige und mit einer Atmosphäre des Gleichgewichts und der Harmonie. Die schlichte Gestaltung, die Vermeidung von Ornament und unnützem Zierrat meinte sie dem Gebäude schuldig zu sein. Jetzt ist der Raum in einem hellen rötlichen Beigeton gestrichen, in Anlehnung an die ursprüngliche Gestaltung. Ein neues Rednerpult wurde entworfen und an der Holzdecke 36 einflammige Leuchten installiert, ähnlich einem Sternenhimmel.
Zurückhaltung an Farbe und Form
Das wohl prominenteste Beispiel ihrer behutsamen Art, mit dem Erhaltenen umzugehen, ist das Landratsamt Bautzen. 1909 bauten die Dresdener Architekten Lossow und Kühne den neubarocken Bau mit festlich heiterem Charakter. Der Saal ist der Gestaltungshöhepunkt der Gesamtanlage. Heute wird dieser als Tagungsort des Kreistages für Beratungen, Vorträge, Konzerte und Feste genutzt. Die wichtigste innenarchitektonische Arbeit war eine neue Farbfassung sowie der Einbau eines zweistufigen Podestes als Ersatz für die Bühne. Die Empore ist jetzt wieder Bestandteil des Saales, Kronleuchter und Wandleuchten sind aufgearbeitet, neue Vorhänge ersetzen die Vertikallamellen. Jetzt sind das verwirrende Spiel der Lichtreflexe aus den hohen Fensteröffnungen und die plastischen Dekorationen an Wand und Decke wieder erlebbar geworden.
Fotos: Rudolf Hartmetz


