Blick zurück auf die Gemütlichkeit
Architektur für Modelleisenbahnen
In den Landschaften der Miniatureisenbahn lebt es sich gemütlich, dörflich, in den meisten Fällen unmodern. Modellbauer wollen Fachwerk, möglichst aus Süddeutschland, das in eine Berglandschaft passt. Denn die Eisenbahn muss durch einen Tunnel fahren.
Die Eisenbahn schiebt sich auf Berge, um durch mindestens einen Tunnel zu fahren. Ein absolutes Muss. Warum das so ist, kann sich Michael Lang von der Firma Faller auch nach 30 Jahren Miniaturen-Marketing nicht erklären: »Das muss ein Instinkt aus der Steinzeit sein, ich weiß aber nicht, welcher.« Ein Zug fährt in einen Tunnel hinein und wieder heraus – da bekommen Sieben- wie Siebzigjährige gleichermaßen glänzende Augen. Die Firma Faller ist ein Traditionsunternehmen aus dem Schwarzwald. Sie steht seit über 55 Jahren als Synonym für Modellbau-Bedarf. Hier wird nicht an den Eisenbahnen, sondern an der Architektur der Miniaturwelt gebastelt. Wie wird gebaut in den Welten im Maßstab 1:45? Auf den Anlagen der Wirtschaftswunderzeit der 50-er und 60-er Jahre wurde noch fleißig an »modernen Städten« geklebt und gebastelt. Heute hat sich der Trend verkehrt. Schwarzwaldhof und Schindeldach sind in, Holzbalkone und Kaminholzstapel prägen das Bild.
Schöne heile Welt in H0
Die Welten der Miniatureisenbahn sind heile. Man sieht keine Industriegebäude, keinen Dreck, keine sterilen Glaspaläste, keine Verkehrsstaus, keine Junkies am Bahnhof. Vielleicht mal eine Reifenpanne am Wegesrand, aber keinen Demonstrationszug gegen Atomkraftwerke. Wer sollte auch gegen Atomkraftwerke demonstrieren, wenn es sie hier sowieso niemals geben wird? Die Welten der Miniatur-Eisenbahn sind übersichtlich, meist dörflich. Das hat auch praktische Gründe. Denn was braucht eine Eisenbahn als erstes? Einen Bahnhof. Darum herum stehen dann ein paar Häuser. Wollte man eine Stadt wie Frankfurt nachbilden, würde der Platz schlicht nicht reichen. Und die Bahn muss ja, wie gesagt, auch unbedingt einmal auf einen Berg und durch einen Tunnel fahren.
Tradition ist Trumpf
Die Welten der Miniatur-Eisenbahn sind altmodisch. Neue Architektur wird so gut wie gar nicht nachgebildet. »Selbst die bekannten neuen Gebäude aus Berlin würden in den Regalen stehen bleiben, die will kein Modelleisenbahner «, weiß Lang. Er selbst hat nie eine Modelleisenbahn besessen, kennt die Wünsche seiner Kunden nach 30 Jahren bei Faller aber haargenau.Der Wunsch nach heiler Welt wird wach, nach scheinbar paradiesischen Zuständen freundlich erlebter Kindertage. Übersichtlichkeit gibt Schutz. Moderne Städte werden dagegen als unwirtlich und problembeladen erlebt. »Mal ehrlich,« schmunzelt Lang, »wer würde sich denn so einen modernen Glaspalast selbst bauen?« »Und schließlich«, meint der Marketingmann, »würden ja Architekten auch nicht nur hochmodern planen, sondern eben auch die vielen Einfamilienhäuser bauen und ausbauen, die uns überall umgeben.« Bauhaus-Ambiente, Ziegel und Glaspaläste werden von den Kunden nicht nachgefragt. Da wünschen sie sich schon häufiger ein Modell des Kölner Doms. Das wird es allerdings nie geben, denn als naturgetreue Nachbildung würde es 3,20 Meter hoch in die Eisenbahnlandschaft ragen.
Die fünf Epochen der Fallerschen
Architektur Mindestens zwanzig Jahre hinkt die gestaltete Miniaturwelt der realen hinterher, schätzt Lang. Meist noch mehr. Der Faller-Katalog ist in Epochen unterteilt. Epoche I startet etwa 1880 und endet nach dem 1. Weltkrieg. Dann kommen die Zwanziger und Dreißiger Jahre. Epoche III umfasst die Zeit nach 1945 bis zum Ende der Dampflok-Ära. Hier sieht man schon mal einen Fernsehturm. Bis dahin wird gut verkauft. Die vierte Kategorie zeigt Architektur ab 1977 bis Mitte der 80er Jahre. Das meist verkaufte Gebäude, das diese Zeit repräsentiert, ist der »Edeka-Markt Friedrichsen«, ein moderner Flachbau mit breiter Glasfront und kompletter Inneneinrichtung samt Tiefkühlinsel und Fleischtheke. Das Modell kann beleuchtet und das Werbe-Enblem auf dem Dach mit einem Mini-Motor angetrieben werden. Für die Schweiz wird das Modell in »Migros« oder »ADEG« (Österreich) umbenannt. Die jüngste Epoche V wird vertreten durch Windkraftanlagen und einen praktischen, quadratischen Bauhof mit beweglichen Rolltoren. Verkauft wird davon allerdings wenig.
Immer aktuell: Die Autos
Inmitten der niedlichen Kulisse mit Gauben, Giebeln und Erkern orientieren sich die Einfamilienhäuser noch am deutlichsten an zeitgenössischer Architektur. Man sieht Fertighäuser der Marken WeberHaus und Hanse-Haus, Car- Ports oder auch ein Zweifamilienhaus im Bau mit Zementsilo. Interessanterweise gilt die stoische Rückwärtsgewandtheit vor allem der Landschaft und Architektur. Das Auto wird stets auf dem Stand der Zeit präsentiert, sei es im Mercedes-Benz-Autocenter oder in der Autowaschanlage mit Durchfahrmöglichkeit. Besonders in Ostdeutschland gilt die Spurweite 12 Millimeter weiterhin als das Maß aller Dinge. Auch die Architektur orientiert sich hier an heimatlich Bekanntem, was insbesondere den Siedlungshäusern anzusehen ist. Seine Neubauten plant das Faller-Unternehmen ohne Architekten, in einem vierköpfigen Team. Praktisch, wenn man bei Neuentwicklungen auf Bewährtes zurückgreifen kann. So feierte der Bürokomplex der 60-er Jahre als »Hotel Prag« mit Ost-Ambiente für die Spurweite 12 Millimeter Wiederauferstehung.








