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»Was hat Sie in letzter Zeit besonders berührt,...

... Rudi Gutendorf?«

Rudi Gutendorf ist ein Rastloser in Sachen Fußball. Er fahndete nach Talenten auf Jamaika, übte im Garten des Königs von Tonga und führte die Balltreter der Fidschi-Inseln ins Südsee-Finale, wo sie den Linienrichter verprügelten. Er gründete die Nationalmannschaft von Botswana, entdeckte in Ghana ein malariakrankes Talent namens Anthony Yeboah und gewann mit dem kleinen Nepal gegen das große Indien. Er war Trainer des Jahres in Australien, wurde im Iran als Ungläubiger gefeuert und betreute die Krisenrepublik Ruanda. BerührungsPUNKTE sprach mit ihm über das Leben mit dem Spiel der Spiele.

BerührungsPUNKTE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie manchmal Angst bekommen, in die peinliche Situation zu geraten, wie ein Besucher zu sein, der zu lange bleibt. Warum?
Gutendorf: Das will heißen, immer wieder erscheine ich in der Presse, und ich befürchte, dass das vielleicht auch mal ein bisschen zuviel wird, denn wer hat schon mit 78 Jahren noch so eine Popularität?

BerührungsPUNKTE: Sie sind schließlich eine Fußball-Legende. Schon als Kind wollten Sie nichts anderes werden als Fußballtrainer.
Gutendorf: Ich wollte den Fußball benutzen als Vehikel, um in der Welt herumzukommen. Das ist mir gelungen wie keinem anderen. Ich habe 55 Trainerstationen hinter mir, darunter sechs Bundesliga-Vereine, damit stehe ich im Guiness-Buch der Rekorde. Ich bin dann aber auch immer wieder in Entwicklungsländer gegangen, das war wie ein Atemholen der Seele.

BerührungsPUNKTE: Wovon musste sich Ihre Seele erholen?
Gutendorf: Vom Stress in der Bundesliga, man verdient viel Geld, aber dabei gehen die Nerven drauf und deswegen bin ich immer geflüchtet in die Dritte Welt, um da Fußball zu vermitteln. Mein Buch sollte eigentlich heißen »Der Weg ist mein Ziel«, denn man soll nicht auf ein Ziel hinarbeiten, das vielleicht nie kommt, sondern einfach seinen Weg gehen.

BerührungsPUNKTE: Sie haben dem Fußball Ihr Leben gewidmet, nicht?
Gutendorf: Ja, und ich habe damit auch mein Geld verdient, als Trainer mehr, als Fußballspieler damals wenig.

BerührungsPUNKTE: Fußball ist ja zunächst mal ein Spiel...
Gutendorf: So ist es, das hat mich als Junge fasziniert. Ich war ein ganz guter Fußballer, habe als Junge von morgens bis abends gespielt.

BerührungsPUNKTE: Ist Fußball als Beruf noch ein Spiel?
Gutendorf: Nein, das hört im Profibereich auf. Da ist Fußball Kampf. Existenzkampf, um wieder einen Vertrag zu bekommen. Obwohl es ein Spiel ist mit Regeln. In meiner Jugend war es die Freude, den Ball rollen zu lassen, den Ball zu beherrschen, zu wissen, der Ball macht, was ich will.

BerührungsPUNKTE: Sie sind in so vielen Ländern gewesen. In Nepal gab es keinen Rasen, aber das ganze Dorf schaute zu, ist dort der Fußball mehr Spiel geblieben?
Gutendorf: Ja! Wo zuviel Geld involviert ist, dann hört das Spiel auf. In Afrika z.B., auf dem Lande in Ruanda, da gibt es noch Hunger und die Kinder sind fasziniert, dem Ball nachzurennen. In der Hauptstadt Kigali wurden bei großen Spielen die Stadiontüren geschlossen, damit keine Kinder hereinkamen. Die konnten ja keinen Eintritt zahlen. Ich hatte damals ein großes Spiel gegen Kenia gewonnen, hatte dadurch Einfluss beim Ministerpräsidenten, und habe gedroht, sofort mit meiner Arbeit aufzuhören, wenn sie nicht diese Tore öffnen. Da habe ich kurz entschlossen zwanzig Aufseher für die Kinder eingestellt, das hat wunderbar geklappt. Das Stadion war voll mit Kindern, die mir hinterher auf der Straße nachliefen um sich zu bedanken. Das war mein größter Erfolg. Da hat Fußball noch mit Spiel, auch mit Idealismus zu tun. Wenn dagegen Borussia gegen Schalke spielt, ist das reiner Existenzkampf und es zeigt sich die häßliche Fratze des Fußballs, wenn man sich gegenseitig in die Knochen grätscht.

BerührungsPUNKTE: Als Spieler, schreiben Sie in Ihrem Buch, haben Sie pädagogische und psychologische Trainer-Katastrophen erlebt. Welche?
Gutendorf: Um ein Beispiel zu geben: Sogar ausgebildeten Jugendtrainern fällt meist nichts besseres ein, als die Kinder zehn Runden laufen zu lassen, bis sie japsen, das verleidet ihnen doch den Spaß am Fußball. Das ist Wahnsinn! Das darf man nicht machen. Man muss denen einen Ball geben, sie mit dem Ball laufen lassen!

BerührungsPUNKTE: Welche Fehler gibt es im Profibereich?
Gutendorf: Auf den Fidschi-Inseln z.B., wo die Inder wirtschaftlich alles in der Hand haben, ist es klüger, Fidschis und Inder in der Mannschaft gleichermaßen zu besetzen. Vor allem in Ruanda, wo sich Tutsies und Hutus 1994 noch gegenseitig die Köpfe abgeschnitten haben mit Macheten, habe ich die Mannschaft paritätisch besetzt. Das war ein tolles Ergebnis im Sinne des Fußballs, dass die friedlich in einem Team gespielt haben. Da habe ich gesehen, was das Spiel Fußball bewirken kann.

BerührungsPUNKTE: ... dass Kämpfe sportlich ausgetragen werden?
Gutendorf: Nein, der eigentliche Sinn des Mannschaftssportes ist, dass der Einzelne gar nicht zählt. Es ist immer eine Mannschaftsleistung.

BerührungsPUNKTE: Als Kind fanden Sie den Trainerberuf schön wegen der Arbeitszeiten und weil die Mutter nicht schimpft, wenn man am Sonntag nicht gut angezogen ist. Ist Ihr Beruf der romantischste und interessanteste auf der Welt?
Gutendorf: Meine ich, ja. Natürlich auch mit den Macken, dass man rausgeschmissen wird. In Chile, da hatte ich eine Freundschaft mit dem Staatspräsident Allende, dann wurde geputscht, die haben den erschossen und ich bin gerade noch mit dem letzten Flugzeug aus dem Land gekommen.

BerührungsPUNKTE: Sie waren ja der erste deutsche Trainer im Ausland...
Gutendorf: Ja, ich war der erste sportliche Entwicklungshelfer, der von der Adenauer-Regierung rausgeschickt wurde, 1964, da hat Adenauer zu mir gesagt: Herr Jutendorf, fahren Sie, sonst nehmen die einen von der Sowjetzone, die haben auch Trainer ausgeschickt als sportliche Entwicklungshilfe.

BerührungsPUNKTE: Über alle, die sich im Verein einmischen, haben Sie mal geschimpft, das wären geistig-rachitische Bettnässer.
Gutendorf: Ja, die mir reinquatschen wollten, als ich beim HSV Trainer war, das war damals der größte Verein und Europameister, der Präsident und Generalmanager wollten mir immer reinreden.

BerührungsPUNKTE: Ist das heute noch so?
Gutendorf: Weniger. Die heutigen Trainer bedingen sich das vertraglich aus, dass sie allein zuständig sind für die Mannschaft. Der Rehagel ist ja auch ein paar mal rausgeschmissen worden, in Dortmund und in Bielefeld, aber das ist auch so`n Typ wie ich, der sich das nicht gefallen lässt. Da muss man eben konsequent sein und einstecken oder abhauen. Ich habe mich nie prostituiert. Wenn ich nicht mehr frei arbeiten konnte, dann habe ich hingeschmissen.

BerührungsPUNKTE: Wie wär`s mit der deutschen Nationalmannschaft?
Gutendorf: Doch sicher, da würde ich zu Fuß nach Frankfurt gehen, aber mit 78 Jahren kriegt man so eine Chance nicht mehr. Ich bin mir bewusst, dass man in meinem Alter leichter angreifbar ist. Jetzt im Oktober gehe ich wieder nach Samoa zur Nationalmannschaft. Da sind Spieler, die einen mit leuchtenden Augen ansehen, weil man etwas zu geben hat.

BerührungsPUNKTE: Was hat Sie in letzter Zeit besonders berührt?
Gutendorf: Dass mein 14-jähriger Sohn Fabian jetzt nur noch drei Wochen bei mir sein kann, weil dann in Sydney wieder die Schule anfängt. Er lebt in Australien bei seiner Mutter.

- Interview: Beate Schwedler -