RÄUME AUF ZEIT: GEFÄNGNISARCHITEKTUR
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Die Zeit im Gefängnis soll aus Sträflingen nach der Haftentlassung wieder gesellschaftsfähige Bürger machen. Allen Bürgern auf der anderen Mauer-Seite soll sie Schutz bieten. So will es das Gesetz. Mittlerweile sind Anstalten so sicher, dass es nahezu kein Entkommen gibt. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, darüber nachzudenken, ob Architektur nicht mehr kann, als nur sichern und verwahren.
"Nach vier Jahren sinkt etwas in deinem Kopf wie ein Schiff. Dann ist nur noch Zeit." So beginnt Hans-Joachim Neubauers Buch "Einschluss", Bericht aus dem Berliner Gefängnis Tegel1. Ein Bild vom Knast als eine Stadt in der Stadt. Ein Ort mit eigenen Werkstätten, Schulen, Krankenstationen, Sporthallen und Kirchen. Mit illegalen Umschlagplätzen, Gewalt, Prostitution und Ordnungsmechanismen. Verborgene Welten hinter stählernen Toren, Wachtürmen und Gittern, von der sich in Freiheit Lebende vor allen Dingen eins wünschen: Sicherheit.
Wegsperren...
"Als allererstes erwartet die Allgemeinheit vom Strafvollzug, dass, wenn wir jemanden einsperren, er nicht wieder herauskommt", konstatiert der designierte Baden-Württembergische Justizminister Dr. Groll, CDU2. Eine Aufgabe, die unter vermehrtem Einsatz moderner Technik zusehends besser gelingt: 2001 fl üchteten in Nordrhein-Westfalen fünf Häftlinge, zwei Jahre drauf drei, vergangenes Jahr keiner mehr.
Umtriebiger sind die Häftlinge im offenen Vollzug, die zwecks Arbeitsausübung und Urlaub die bewachten Stuben verlassen dürfen. 2001 wurden in NRW 740 "Entweichungen" registriert, 2003 nur 506. Wohlgemerkt – hier zählt jeder eigenmächtig verlängerte Ausgang, auch dann, wenn Inhaftierte freiwillig zurückfi nden.
... oder integrieren?
Damit manifestiert sich ein zentrales Dilemma des Strafenvollzugs. Er soll Menschen befähigen, sich ins bürgerliche Leben einzugliedern. Aber so, dass das Volk vor weiteren Missetaten sicher ist (§ 2, Satz 1+2 StvGb). Ende 2004 saßen in Deutschland 69.223 Menschen im geschlossenen, weitere 10.229 im offenen Freiheitsentzug. Denn, für die lebensnähere Strafe qualifi - zieren sich nur jene, die weder Flucht noch kriminelle Handlung im Vollzug umtreibt. Unterlassensleistungen, die man schweren Gewaltverbrechern, Drogensüchtigen oder aufenthaltswilligen Ausländern eher nicht zutraut. Dummerweise expandieren just diese Gruppen in der Population hinter den Mauern. Allein die Drogenabhängigen stellen, je nach Anstalt und Quelle, ein Drittel bis die Hälfte der Insassen.
Und so staut es sich in den geschlossenen Vollzugsanstalten seit den 90iger Jahren, trotz sinkender Kriminalität. Warum, erklärt Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Instituts, Hannover: "Die durchschnittliche Verweildauer steigt, weil härter bestraft wird".
Damit erfreuen sich unsere Haftanstalten ironischerweise dessen, wovon Berliner Hotels und Frankfurter Büros dieser Tage träumen – einer chronischen Überbelegung. Ihr Ausmaß variiert, je nach Bundesland, und mündete in erhöhter Bauanstrengung. Denn in Spitzenzeiten artet die "drangvolle Enge" in 60% Doppelbelegung der 10 bis 11 qm Zellen aus. Trotz Rechtsanspruch auf Einzelbelegung, betragen die Wartezeiten bis zu sechs Monaten. Mittlerweile legten die Landesregierungen eine Bundesinitiative vor, die Doppelbelegung bei Platzknappheit legalisiert.
Wird ihr stattgegeben, bleibt die Menschenwürde ab 4,5 qm pro Person gewahrt, inklusive geruchs- und geräuschfreier Toilette – und es schwindet das verbriefte Recht der Häftlinge auf ein Zipfelchen Privates.
Im Knast leben
Jeder Tag ist wie der andere: Um 5.45 Uhr Aufstehen, um 22 Uhr ins Bett. Die Zeit dazwischen ist gefüllt mit acht Stunden Arbeit, Mahlzeiten und vier Stunden Freizeit, die Stunde Hofgang inbegriffen. Gelegentlich kommen Therapie-Gespräche oder die zugestandene Stunde Besuchszeit pro Monat hinzu. Zehn bis vierzehn Stunden werden in Zimmern verbracht, die auf minimalem Raum die nötigsten Möbel und Sanitäreinrichtungen vereinen. Inventar, möglichst unkaputtbar und unbeweglich, um möglichen Wutausbrüchen stand zuhalten. Stählerne Türen und vergitterte Fenster sind ebenso stetige Zeugen dieses Ortes, wie das beharrliche Klicken der Schlösser und der Geruch von Desinfektionsmitteln, der sich mit Angst und gelegentlichem Brüllen und Stöhnen mischt. Alltag zwischen Isolation und straffer Organisation – nach der sich jeder richtet. Abweichungen werden mit Isolationshaft bis zu vier Wochen geahndet.
Wenig Platz also, um soziales Verhalten zu erproben, das zur Selbständigkeit und Eigenverantwortung für das Leben danach befähigt.
Harter Humanismus
"Das schlimmste ist die Isolation", sagt Kafa Hawali, langjähriger Übersetzer für ausländische Gefangene, "die noch durch Sprachbarrieren verstärkt wird. Zellengenossen sind nicht unbedingt die Menschen, die du intim um dich herum haben willst. Beliebt sind die Aufschlüsse. Geregelte Zeiten, in denen sich Gefangene auf ihren Zellen besuchen dürfen." Maßnahmen, die, wie Freizeit- und Therapieangebote oder Hofgänge in Zeiten von Personalverringerung eher weniger als mehr werden.
Es ist keine dreißig Jahre her, da beseelte die Idee des humanen Strafvollzuges die JVAs unseres Landes. Dank der Gesetzesreform in den siebziger Jahren ward es möglich, den kriminellen Energien mit gelockertem Vollzug und der reintegrativen Kraft von Therapie, kreativer Beschäftigung und Kontaktprogrammen zu Leibe zu rücken. Doch mit der Zeit änderte sich auch die öffentliche Meinung. Heute ruft sie eher nach härteren Strafen. Und das, obgleich die Kriminalität sank.
Eine Stimmung, die engagierten Sozialhelfern und Pfarrern ebenso aufs Gemüt schlägt wie den Betroffenen selbst. "Früher packte die Inhaftierten auch schon mal die Wut über unzumutbare Bedingungen. Doch der einstige Protest wich Melancholie und Ohnmacht", beschreibt Prof. Dr. Helmut Koch, der seit Jahren Gefangenenliteratur betreut, den vollzogenen Wandel. Ferner habe sich die Zahl derer, die keine Besuche, keine Briefe – sprich, keinerlei Außenkontakt haben, markant erhöht. Abgeschiedenheit, die den Rückfall förmlich vorprogrammiert. Ein Teufelskreislauf, der, Verfahren, Schäden und Mehrfachvollzug addiert, die Gesellschaft dauerhaft mehr kostet, als liberalere Strafbedingungen. Davon zumindest sind die sozial Engagierten überzeugt. Sie wollen den offenen Vollzug als Regel sehen, wie es das Gesetz vorsieht – und geben sich nicht mit den gerade mal 10 bis 30% Anteil zufrieden.
In den Justizministerien hingegen scheint man vom ungebrochenen Bedarf am geschlossenen Vollzug überzeugt. Allein das "Sonderprogramm zum Abbau der Überbelegung" in NRW verspricht zusätzliche 600 Haftplätze bis zum kommenden Jahr. Weitere 190 Plätze sollen das Jahr darauf folgen, mit dem Neubau in Willich. Ob dann noch Düsseldorfs Ulmer Höhe durch eine PPP fi nanzierte Anstalt in Ratingen ersetzt wird, ist noch strittig.
Wenn es unvermeidlich ist, Menschen für begrenzte Zeit oder gar den Rest des Lebens an ein Gebäude zu fesseln, könnte man dann nicht an der Ausstattung der einschränkenden Umgebung feilen? Laut Gesetz besteht die Strafe "allein aus dem Entzug der Freiheit, alle übrigen Grundrechte müssen dabei gewahrt bleiben."
Architektur als Strafe?
Wo lassen sich Drogen verstecken? Welche Orte taugen zum toten Briefkasten? Wie sind Kontakte unter Mitgefangenen kanalisierbar? Fragen, die einen gestandenen Gefängnisarchitekten beschäftigen und zur Verbannung von Rohrstahlmöbel und Sträuchern führen und in gut parzellierten, übersichtlichen Innenhöfen münden. Denn der Bau, samt Ausstattung, muss vieles tunlichst unterbinden.
Kloster oder Stadt?
Fragt man Gefängnis-Architekten nach dem Wettbewerbsdifferenzierenden A und O, steht das sinnige Raumkonzept im Fokus: So überzeugte Plan 2, München, bei der JVA Dresden mit einer italienischen Klöstern nachempfunden Anlage, in Hünfeld/Hessen hingegen war die straffe Anordnung gefragt. Tjarks Wiethüchter, Braunschweig, stachen mit einer stadtähnlichen Bebauung unter 143 Bewerbern hervor, die der Tristess in Reges/Sachsen entgegenwirkt. Bei den Fassaden geht der Trend für die Hochsicherheitstrakte steil in Richtung sorgfältig ummauerter Büro- oder Wohnkomplex - und löst damit das Genre der gut verschanzten Industriebauten ab.
Was nun das Interieur betrifft, so vermögen selbst Gespräche mit Gestaltern und Auftraggebern keine vitalen Raumeindrücke zu wecken. Zu extraordinär sind die Anforderungen an Nutzen, Funktion und Sicherheit. Fotos sind rar. Was gezeigt wird, sind kleine Räume mit Bett, Schrank und Gitterfenster oder breite lange Gänge, die Krankenhaus-Charme versprühen, wären da nicht die Stahltüren. Gelegentlich sieht man noch Werkstätten. Bilder, die auf jeden mittelständischen Handwerksbetrieb passen. Doch Hand aufs Herz, wer hat jemals einen Kraftraum, Küche oder Bibliothek eines Gefängnisses selbst gesehen? Architekten gehen mit solch prekären Häusern "diskret" um, nicht zuletzt deshalb, weil's der Bauherr (mancherorts unter Androhung von Haftstrafen) verlangt. Und bevor man überhaupt ans Styling denkt, hat man maximale Übersichtlichkeit, Effi zienz und Sicherheit im Kreis zu quadrieren. Verfahren, die mittlerweile sorgsam gestaltete Funktionsbauten in architektonischer Formensprache hervorbringen, die mehr oder weniger freundliche Gesten bereithalten:
In Dresden strich man Trakte in unterschiedlichen Farben, nicht nur weil es schicker aussieht, sondern weil es Orientierung für die wachsende Gruppe von Analphabeten schafft. Sportkapazitäten baute man aus, um möglichst viel Raum zu schaffen, Aggressionen gelenkt auszuleben. Aktuell entsteht in Sachsen die erste Anstalt, in der Toiletten aus dem Haftraum verbannt sind und in den Zwischenräumen zweier Zellen untergebracht werden. Auf dem Land wird der Blick aus dem Zellenfenster schon längst gewährt. Hier substituiert man auch schon mal die klettersicheren Betonmauern durch Zäune.
Designter Humanismus
Was allerdings herauskommt, wenn ein Justizministerium beschließt, den Freiheitsentzug weiterzuentwickeln, demonstriert das Justizzentrum Leoben in der Steiermark. 200 Plätze für U-Haft und den geschlossenen Vollzug, Seite an Seite mit dem Gerichtsgebäude. Der Anspruch des Grazer Architekten Josef Hohensinn, "ein möglichst positives Umfeld zu schaffen, um Spannungen seitens der Gefangenen wie auch der Bediensteten zu nehmen", kann sich wahrlich sehen lassen:
Die lang gezogene Fassade in hellgelb wirkt so freundlich, dass die obligatorische Mauer mit Nato-Stacheldrahtzaun fast übersehbar ist. Durch das gesamte Raumkonzept ziehen sich, zuweilen sehr dezente, künstlerische Interventionen, wie etwa die Arbeiten des Grazer Künstlers Eugen Hein im Andachtsund Meditationsraum. Die Höfe sind in ornamentalen Formen begrünt und auch die Dächer werden als Sport- und Spazierhof genutzt, der gar vereinzelte Bäume beherbergt.
Lange rang der Architekt um die vergitterte Loggia im Gemeinschaftsraum. Im abgetrennten Bad befi nden sich Behelfsduschen, alternativ zum verbreiteten Reinigungsritual, vier Mann, im 6-Minuten-Takt durch Kollektivbenassungen zu schleusen. Fenstergitter sind so großzügig bemessen, dass sie als Butzenscheiben durchgehen. Überhaupt wirken die Zimmer schlicht und wohnlich, weil man zu Holzböden und zur Möbelhaus- Ausstattung griff. Die Möbel sind zum Teil befestigt, können aber über Schienen nach eigenen Wünschen arrangiert werden. Jede Zelle ist Teil einer Wohngruppe mit Gemeinschaftsfl ächen.
Die Tabubrecher
Im Februar wurde dieser Meilenstein humanitären Freiheitsentzuges in Betrieb genommen. Selbstverständlich – wie dieser Tage üblich – begleitet von medialen Unkenrufen des "Luxusknasts". Leider entgeht dabei den meisten, die niemals ihre Zeit unausweichlich hinter den ewig gleichen Mauern verbrachten, dass solch ein Bau beispielsweise auch die Sicherheitsbeamten würdigt, die, genau genommen, die längst Inhaftiertesten sind. Und ihre Arbeit wird entlastet.
Denn hier ist Design am Werke, das vorhandener Zerstörungswut mit achtsamer Gestaltung begegnet. Damit beginnt sie, den offensichtlich fehlenden Respekt für die Umwelt zu lehren (was, nach Aussage des Architekten, bis dato, glückte). Und, hier entstanden Spielräume, die Menschen, unter Wahrung der Sicherheit, ein Stück Autonomie gewähren. Dies wiederum entlastet Personal und damit den Kostenapparat. Man kann es gut fi nden oder zum unangemessenen Luxus degradieren. Aber eine alte chinesische Weisheit besagt: "Das was du aussendest, kehrt zu dir zurück". Von daher lohnt es sich zu beobachten, ob nicht einiges an Gewalt, Betrug und Hinterhalt in unserem Strafvollzug, im wahrsten Sinne des Wortes, hausgemachte Probleme sind.
- Rahel Willhardt -
*1 Hans-Joachim Neubauer: Einschluss. Bericht aus einem Gefängnis. Berlin Verlag, 2001
*2 Plenarprotokoll 13/34 des Landtag von Baden- Württemberg vom 14. 11. 2002, im Haus des Landtags













